Der lebende
BuddhaI
Das Massaker
von Nanjing
Vor
70 Jahren besetzten japanische Truppen die damalige chinesische Hauptstadt.
Ein "guter Nazi" rettete unzählige Menschen vor dem Tod.
Lange Zeit stand
das zweistöckige Wohnhaus in der Innenstadt von Nanjing, unweit
der ehemaligen deutschen Botschaft, vergessen und heruntergekommen da.
Doch spätestens seit vor anderthalb Jahren Bauarbeiter die Villa
John Rabes, die heute von hohen Universitätsgebäuden auf dem
Campus eingeschlossen wird, wieder herausgeputzt haben, ist der Deutsche,
den manche hier einen "guten Nazi" nennen, wieder in aller
Munde. Inzwischen erinnern sich sowohl Deutsche als auch Chinesen gerne
wieder an die Heldentat des Kaufmannes aus Hamburg - jedoch unter anderen
Vorzeichen.
Das Massaker
Das Vorrücken
japanischer Truppen auf die alte Kapitale Chinas hatte sich seit Wochen
angekündigt. Nach der Besetzung der Mandschurei 1931 waren japanische
Truppen im Sommer 1937 in Nordchina einmarschiert - der Zweite Weltkrieg
in Asien begann. Sie attackierten Schanghai und bereits im August bombardierten
Flugzeuge des Inselkaiserreichs die Hauptstadt der Republik. Am 10.ÊDezember
des gleichen Jahres standen die Truppen des Tenno vor den alten Stadtmauern,
drei Tage später fiel Nanjing. Es folgten düstere Wochen scheinbarer
Anarchie. Doch Zerstörung, Plünderung und Brandschatzung erfolgten
meist geordnet, nicht chaotisch. Im nordwestlichen Stadtteil Xiaguan
schliffen die japanischen Einheiten fast alle Gebäude - einzig
der Bahnhof, der für Truppenverlegungen strategisch war, blieb
verschont. Schlimmer noch waren Morde und Massenvergewaltigungen, die
sich sechs Wochen lang bis Ende Januar 1938 an die Erstürmung der
Millionenstadt anschlossen. Sie sind in vielen Fällen wohl von
militärischen Entscheidungsträgern sanktioniert gewesen. Eine
Untersuchung des Nanjinger Bezirksgericht bezifferte die Opfer im April
1946 auf 295.525 Menschen. Eine Zahl, die chinesische Historiker oft
als zu vorsichtig einschätzten, andere - meist ausländische
Wissenschaftler - aber auch für zu hoch gegriffen hielten.
Unabhängig
davon, wie viele Menschen bei dem Massaker tatsächlich starben,
hat sich die Zahl 300.000 fest in das kollektive Gedächtnis der
Chinesen eingeschrieben. John Rabes von Abscheu und Ekel durchtränkte
Tagebuchnotizen aus jenen Wochen lassen keinen Zweifel: "Man hört
nur noch von Vergewaltigungen. Wenn die Männer oder Brüder
dazu kommen, werden sie erschossen. Wohin man sieht und hört, nichts
als Brutalität und Bestialität der japanischen Soldateska."
Anders als Rabe
waren die meisten Ausländer vor dem Einmarsch der Japaner geflohen,
zuletzt auf eilig herbeorderten Kanonenbooten der US-Marine. Als Nanjing
weitgehend kampflos fiel, waren nur zwei Dutzend internationale Geschäftsleute
und Missionare in der Stadt verblieben, überwiegend Deutsche und
Amerikaner. Ihr Drittland-Status, so hofften sie, werde sie und ihre
ökonomischen wie geistlichen Unternehmungen vom gewaltsamen Zugriff
der Okkupanten schützen. Noch bevor das Donnern der japanischen
Artillerie zu hören war, hatten sie am 22. November 1937 das Internationale
Komitee der Sicherheitszone von Nanjing gegründet - mit dem damals
55-jährigen Deutschen John Rabe als Vorsitzenden. Unter der Obhut
des Internationalen Komitees fanden im Winter 1937/1938 eine Viertelmillion
Chinesen in einer etwa zwei Mal drei Kilometer großen Zone der
Stadt relativen Schutz vor dem Zugriff japanischer Soldaten. Allein
Rabes Privatgrundstück bot mehr als 600 Menschen Sicherheit vor
Hinrichtung und Vergewaltigung.
Das Hakenkreuz
als Camouflage
Drei Jahrzehnte
China-Erfahrung hatte Rabe damals. Der 1882 in Hamburg geborene Kapitänssohn
war ein typischer westlicher Kaufmann, er sprach kein Chinesisch, sondern
Englisch. Dennoch: Mit der chinesischen Kultur war er dennoch vertraut,
seine Tagebuchnotizen sind mit chinesischen Redewendungen gespickt.
Bereits 1908, als der letzte Kaiser der Qing-Dynastie den Thron bestieg,
war er ins Reich der Mitte gekommen. Seit 1911 arbeite er für Siemens
- zuletzt als höchster China-Repräsentant der Firma in Peking,
ab 1931 dann in Nanjing.
Der eher unauffällige
Kaufmann erscheint in den Wintermonaten 1937/1938 als ein Philanthrop,
der selbst sein Leben riskierte. Der Mann mit der runden Brille, dessen
streng gestutzter Bart an Hitler erinnert, war für den Posten des
Komitee-Vorsitzenden jedoch auch aus einem weiteren Grund prädestiniert.
Rabe war NSDAP-Mitglied
- die Achsenmacht Japan, so spekulierte man, werde Rabe mit Wohlwollen
begegnen müssen. Doch auch die Hakenkreuzfahnen an seinem Haus
schützten den Vorsitzenden des Internationalen Komitees und die
Flüchtlinge nicht immer vor Übergriffen der Besatzer. So drangen
japanische Soldaten immer wieder in die Villa Rabes ein oder stoppten
seinen Wagen: "Sie ließen mich erst passieren, als ich mit
voller Stimme den Soldaten anschrie, er solle das deutsche Banner auf
dem Wagen und mein Hakenkreuz-Abzeichen respektieren, die zeigen, dass
ich ein Offizieller der NSDAP bin", heißt es in einem Dokument
des Internationalen Komitees vom 20. Dezember 1937 aus Rabes Feder.
Doch wer war John
Rabe? Ist er der - von vielen herbeigeredete - Oskar Schindler Chinas,
den die Nanjinger einen "lebenden Buddha" nannten, der nicht
wie Schindler "nur" rund 1.200, sondern mehr als 200.000 Menschen
das Leben rettete? Der Geschäftsmann war seit 1934 Mitglied der
Partei Hitlers, doch je mehr man von Rabe aus persönlicher Niederschrift
oder von Weggefährten erfährt, desto schwerer fällt es,
eine Verbindung zwischen der Persönlichkeit des großherzigen
Mannes und seiner Verehrung für Hitler herzustellen.
