Garantiert nicht gefälschtI

Mehr als eine Kopie: An der Pekinger Tsinghua-Universität entsteht ein internationales Technologie-Forschungszentrum.

In Haidian, einem Stadtteil im Nordwesten Pekings, entsteht ein neues, ein anderes China. In das Meer sozialistischer Zweckbauten und der eilig in den 1990er Jahren errichteten Hörsaal- und Institutsgebäude mit beigefarbener Kachelfassade reihen sich edle Blickfänge aus Glas und Edelstahl. Gebäude, die eher an die von mächtigen Unternehmen gestifteten Forschungspaläste auf dem Campus von Stanford denn an pragmatische Bauten einer aufstrebenden Industriemacht erinnern.

Gut ein Dutzend Universitäten befinden sich in Haidian, das längst als intellektueller Nabel Chinas gilt. Namhafte Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen hierher. Harvard-Professor William C. Kirby, der im Herbst vor Studenten der Peking-Universität einen Vortrag über das Erfolgsmodell Harvard gehalten hat, sieht das Potenzial Fortschritt der chinesischen Wissenschaft: "Wir haben wie jede andere exzellente Universität die erfolgreichsten akademischen Modelle aus aller Welt kopiert, bevor wir zur besten Hochschule der Welt avancierten. Harvard hat damals ebenso wie die Peking-Universität das Humboldt'sche Modell übernommen," sagt der Professor.

Tradition und...

In Haidian hat man verstanden, dass Erfolg am eigenen Engagement, aber auch an einer Tradition hängt. Das Zentrum bilden die Peking-Universität und die Tsinghua-Universität, jene beiden alten Hochschulen des Landes, die in den offiziellen Rankings als beste Forschungseinrichtungen geführt werden. Während die Peking-Universität das geisteswissenschaftliche Zentrum bildet, erstreckt sich ihr gegenüber die Tsinghua-Universität. Sie gilt vielen Wissenschaftlern aufgrund ihres hohen Forschungs- und Lehrniveaus im Ingenieurwesen und in den Naturwissenschaften als Chinas Massachusetts Institute of Technology. Mit diesem pflegt die Hochschule seit 20 Jahren eine enge Partnerschaft. Es ist die erste akademische Adresse für den technologischen Aufstieg jenes Landes, das längst nicht mehr nur Spielzeug und Sportschuhe in alle Welt exportiert.

Nicht-technische Fachrichtungen wie Jura sind zurückgekehrt, neue Studiengänge wie Kunst und Design wurden eingerichtet. Zu den Tsinghua-Absolventen gehören die Nobelpreisträger Chen Ningyang und Tsung Daulee. Staatspräsident Hu Jintao zählt ebenfalls zu den Alumni der Tsinghua, die gleichzeitig die bedeutendste Kaderschmiede der Technokraten der Kommunistischen Partei Chinas ist. Die Tsinghua hat 27.000 Studenten, knapp ein Zehntel stammt aus dem Ausland, über die Hälfte sind Graduierte und Doktoranden. Die Tsinghua pflegt Kontakte zu Hochschulen und Instituten in mehr als 30 Ländern. Jedes Jahr werden lediglich 3.300 Studienanfänger zugelassen, das entspricht einer Quote von drei bis fünf Prozent der Bewerber.

 

Die Tsinghua-Studentin Mingshu bewirbt sich derzeit für mehrere Master-Programme in Intenational Management an amerikanischen Ivy-League-Hochschulen. Doch ihre Zukunft sieht sie in China. "Nach dem Graduate-Programm möchte ich zurückkehren. Das Wissen aus den Vereinigten Staaten wird hier dringend benötigt, das Humankapital ist der Schlüssel für die weitere Entwicklung unseres Landes."

... Postmoderne auf dem Campus der Tsinghua

Dass die Zeiten des brain drain längst vorbei sind, offenbart sich nicht nur an lukrativen Rückkehrpaketen der Pekinger Regierung für chinesische Wissenschaftler im Ausland, sondern auch im an die Tsinghua-Universität angrenzenden Technologiepark Zhongguancun. Wissenschaftler und Investoren leisteten vor über zehn Jahren Pionierarbeit, als sie mit der Ansiedelung von Unternehmen der High-Tech-Branche rund um den Campus begannen. Mittlerweile hat sich Zhongguancun zum bedeutendsten wissenschaftlich-technischen Firmenpark Chinas entwickelt, der vielen längst als das chinesische "Silicon Valley" gilt. Ob Mikroelektronik, Software oder Bio-Tech - hier sind alle Erfolgssparten vertreten. Auch prominente westliche Firmen wie das US-Internetportal Google, das dort mit über 100 Ingenieuren sein größtes Forschungszentrum außerhalb der Vereinigten Staaten aufgebaut hat, zeigen Präsenz. Das Volumen von Forschungs- und Entwicklungsmitteln beläuft sich laut chinesischen Medienberichten auf mehr als zwei Millionen Euro. Viele Unternehmen wurden von Absolventen der Tsinghua-Universität gegründet.

Skeptiker mögen vieles, was in Haidian entsteht als bloße Kopie ansehen. Doch nimmt man die engagierten Studenten und den optimistischen Professor aus Harvard ernst, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis China nicht nur im Export, sondern auch in den internationalen Hochschulrankings ein Spitzenreiter ist.

(DIE ZEIT online, 26. März 2007)

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