Stadt
im UmbruchI
Peking verwandelt
sich in eine Megalopolis der globalen Welt
Der Wirtschaftsboom
und die Bautätigkeit im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2008
verändern das Stadtbild von Peking in rasantem Tempo. Dies zeigt
sich vor allem abseits der gängigen Touristenpfade.
Irgendwann hat jede
Weltstadt ihre Zeit: Die eleganten Boulevards von Paris entstanden im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unter Baron Haussmann. New Yorks
Skyline nahm 1934 mit dem Empire State Building Kontur an. Zeitgleich
wurde Moskau mit dem Generalplan des Jahres 1935 auf den Kopf gestellt,
mit dem Bau der Metro begonnen und weite Prospekte sternförmig
in die alte Stadt geschlagen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun zieht
Peking Architekten und Stadtplaner in seinen Bann. Der Bauboom geht
mit dem ökonomischen Aufstieg der Volksrepublik einher. Wachstum
und Wandel dieser 13 oder 16 Millionen Einwohner zählenden Stadt
– wenn wir das Heer der Wanderarbeiter auf den zahllosen Baustellen
mitrechnen – lassen sich nur schwer nachvollziehen.
Stadtpläne
sind am ersten Verkaufstag schon veraltet. Bewohner, die für ein
paar Monate verreist waren, erkennen ihre eigene Strasse nicht wieder.
Die Stadt selbst scheint ständig in Bewegung zu sein. Expansion
und Metamorphose sind horizontal und vertikal messbar: In den letzten
beiden Dekaden wurden fünf Autobahnringe dem Verkehr übergeben.
Auf Stelzen errichtet, schreiben sie sich wie Jahrringe in den Plan
der Hauptstadt ein. Auch in die Höhe wird gebaut; bis zu den Olympischen
Spielen 2008 sollen weitere Wolkenkratzer eingeweiht werden, darunter
der 330 Meter hohe China World Trade Center Tower 3, die Fortune Plaza
(260 Meter) oder das Yintai Centre (250 Meter). Seit der Öffnung
des Landes vor über 20 Jahren hat Peking den Himmel für sich
entdeckt.
Abseits
der Touristenpfade
Um die Transformation
der Stadt nachvollziehen zu können, empfiehlt es sich, abseits
der Touristenpfade zu wandeln und in scheinbar unspektakuläre Stadtviertel
einzutauchen. In Peking bietet sich dafür eine Tour an, die von
der Verbotenen Stadt in Richtung Westberge führt. Den Platz des
himmlischen Friedens, den die Lokalpresse in den 1920er Jahren noch
einen «leeren Raum» nannte, bevor der riesige urbane Freiraum
mit wuchtiger Monumentalarchitektur und Massenaufmärschen politische
Prominenz erfahren sollte, lässt man dabei ebenso links liegen
wie die Parkanlagen und neuen Sportpaläste für die Olympischen
Spiele 2008 sowie andere historische und zeitgenössische Glanzpunkte.
Der Stadtrundgang
beginnt in der historischen Keimzelle der Kaiserstadt, deren Gestalt
noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Mauern und Toren bestimmt war.
Der Hauptstadtplan der Ming-Dynastie aus dem 15. Jahrhundert sah eine
Schichtstruktur von Städten in Städten vor. Die Innere Stadt
schloss die Kaiserliche Stadt ein, die wiederum die Verbotene Stadt
mit ihren gelben Dächern und roten Mauern umfasste. Im Süden
ergänzte die Äussere Stadt das durchgeplante Ensemble. Diese
Verschachtelung wiederholte sich bis in die Siheyuan, die klassischen
Hofhäuser. Unzählige dieser Wohnstätten in den Hutongs
genannten Gassen reihten sich um die offiziellen Anlagen und prägten
Pekings Stadtbild.

Altes Hutong-Viertel
in Peking
Doch das charakteristische
Grau der verwinkelten Gassen, welche der symmetrischen Strenge der alten
Stadtanlage widersprechen, wird schrittweise aus dem Stadtbild verdrängt.
Bereits in den letzten Jahren der Qing-Ära und in der Zeit der
Republik, als das Kuomintang-Regime die Stadt in Nördlicher Friede
(Beiping) umbenannte, wurde sie mit der Befestigung von Hauptstrassen,
der Installation von elektrischen Laternen, der Verlegung von Telegrafen-
und Telefonleitungen sowie der Errichtung öffentlicher Latrinen
modernisiert. Das Gurren der Tauben, die in den vielen Höfen ihre
Schläge hatten, verstummt seither immer mehr – und mit ihm
auch der bisweilen provinzielle Charakter.
Beseelt vom sozialistischen
Fortschrittsglauben, führte die Kommunistische Partei das alte
Programm mit neuem Namen fort und liess bereits Ende der 1950er Jahre
die Mauern Pekings praktisch komplett schleifen. Statt des Baus einer
neuen Hauptstadt an anderem Ort begann unter Mao Zedong die Verwandlung
der alten Kapitale in eine sozialistische Hauptstadt mit Repräsentationsarchitektur,
Prospekten und Aufmarschplätzen. Eine Dekade später, während
der Kulturrevolution, sagten die roten Garden der unübersichtlichen
Nischengesellschaft der Hutongs den Kampf an. Die Gassen waren damals
als bourgeoise Brutstätte eines destruktiven Individualismus verpönt.
Seit den neunziger Jahren schafft hier die Stadtregierung von Peking
mit vorwiegend ökonomischen Motiven Platz für breite Boulevards,
moderne Bürogebäude und gestutzte Parkanlagen: Von den etwa
3600 traditionellen Gassen, die noch in den achtziger Jahren existierten,
sind wenige hundert vor allem um die Stadtseen sowie den Glocken- und
Trommelturm im Westen der Altstadt geblieben. Bewohner, die nicht freiwillig
gehen, werden eingeschüchtert oder schikaniert und in die Satellitenstädte
abgeschoben, was sich hinsichtlich der Wohnqualität jedoch nicht
immer als Verlust erweist. Aber kaum spricht alle Welt vom Ende der
Altstadtgassen, haben Investoren und wohlhabende Pekinger die traditionelle
Wohnform wiederentdeckt: Immer öfter sieht man aufwendig restaurierte
oder komplett neu gebaute Hutong-Viertel im Retro-Stil mit Fertigelementen
aus Beton.
Die Neue
Stadt
Auf dem Weg nach
Westen lässt man – noch vor dem Kreuzen des zweiten, auf
den Fundamenten der Stadtmauer fussenden Stadtbahnrings – die
kaiserliche und die republikanische Geschichte hinter sich. Plötzlich
bietet sich ein anderes Bild: Statt krummer Gassen durchschneidet die
schnurgerade Fuxingmen-Strasse als Teil der ersten von den Kommunisten
nach 1949 angelegten Ost-West-Magistrale die Stadt. Anstelle niedriger
Häuser erheben sich postmoderne Repräsentativbauten. Augenfällig
ist das in den späten neunziger Jahren von Ieoh Ming Pei entworfene
Hauptgebäude der Bank of China. Der gedrungene, beigefarbene Bau
besitzt eine 55 Meter hohe gläserne Vorhangfassade, an der die
beiden Gebäudeflügel aufeinandertreffen. Der sinoamerikanische
Altmeister, von dem auch der Turm der Bank of China in Hongkong stammt,
ist als Sohn des Firmengründers selbst eng mit dem traditionsreichen
Finanzhaus verbunden.
Noch weiter im Westen
steht linker Hand an der gleichen Strasse das neue Hauptstadtmuseum,
das Ausstellungen zur Geschichte Pekings von den Anfängen bis in
die Gegenwart zeigt und vormals im Konfuzius-Tempel untergebracht war.
Der gemeinsam von Architekt Cui Kai und dem französischen Architekturbüro
AREP entworfene Komplex ist einer der imposantesten und eigenwilligsten
Museumsneubauten Pekings. Im Jahr 2005 als kulturelles Prestigeprojekt
des zehnten Fünfjahresplans fertig gestellt, zeugt dieses Gebäude
von einer Tendenz hin zu landesweiten Investitionen in die Museumsinfrastruktur,
die von einem neuen nationalen Bewusstsein künden. Der Neubau selbst
unterteilt sich in drei voneinander unabhängige Konstruktionen:
eine rechteckige und eine ovale Ausstellungshalle sowie in einen quadratischen
Büro- und Forschungskomplex. Die Architektur verbindet klassische
mit zeitgenössischen Elementen. Das massive Dach mutet traditionell
chinesisch an, und die langen Steinmauern symbolisieren Stadtmauern
des alten China. Modern hingegen ist die Vorhangfassade aus Glas, die
für Transparenz und Leichtigkeit sorgt.
Dörflicher
Charakter
Neben diesen Monumentalbauten,
die um Aufmerksamkeit von Passanten und Kritikern buhlen, gibt es moderne
Architektur, deren Reiz sich für den Betrachter erst auf den zweiten
Blick erschliesst. So etwa, wenn man von der Fuxingmen-Strasse etwas
nach Norden abweicht, um das erste Wohnungsbauprojekt der Volksrepublik
zu besichtigen. Das in den fünfziger Jahren ausserhalb der alten
Stadt gebaute Viertel Baiwanzhuang liegt heute zentral. Der Siedlungsbau
war Teil des sowjetischen Aufbauprogramms, das eine Verbesserung der
angespannten Wohnungssituation bringen sollte. Das Viertel bildete eine
zentrale Komponente des Plans zur tiefgreifenden Umstrukturierung der
Stadt. Die sowjetischen Spezialisten beachteten die westlichen Planungskriterien
des modernen Geschosswohnungsbaus und Prinzipien der Gartenstadt. Eine
symmetrische und hierarchische Anlage mit eigenem Quartierzentrum, Markt
und Ärztehaus verleiht der Siedlung einen dörflichen Charakter.
Aufgrund der hohen Räume und der grosszügigen Grundrisse sind
die Wohnungen bis heute beliebt.
