Jenseits
des SteppenhügelsI
Ein Bericht
aus den Grenzstädten Zabajkalsk in Russland und Manzhouli in China
Nicht immer braucht
es Ozeane, Bergkämme oder breite Ströme, um Welten voneinander
zu trennen. Über die sanften Steppenhügel der russisch-chinesischen
Grenze sind es lediglich ein rostiger Zaun und eine rote Linie auf der
Landkarte, aber der Unterschied von hüben und drüben zwischen
Zabajkalsk und Manzhouli ist radikal. Seit Ende des 19. Jahrhunderts
verläuft hier am Dreiländereck China-Russland-Mongolei eine
äusserst scharfe ethnische und kulturelle Trennlinie.
Die offene Landschaft
war seit jeher ein Einfallstor – Tataren, Mongolen und Kosaken
drangen von hier nach China vor. Heute passieren vor allem Händler
diese Pforte. Auf dem Hügel im Steppengras, der den russischen
Vorposten Zabajkalsk («Jenseits des Baikal») von der chinesischen
Grenzstadt Manzhouli («In der Mandschurei gelegen») scheidet,
passieren unzählige Menschen in Bussen, Jeeps und Kleinlastwagen
täglich die Grenze, seit dort 1998 eine Strasse mit Übergang
gebaut worden ist.
Aleksej Michajlowitschs
Reisepass ist übersät mit Stempeln der chinesischen und russischen
Grenzbehörden. Rote und blaue Tusche tanzen um die Visa und Sichtvermerke:
das Logbuch seines Lebens. Seit der Mann aus dem westsibirischen Krasnojarsk
vor sieben Jahren damit anfing, an dieser Grenze sein Geld zu verdienen,
hat er drei neue Pässe ausgestellt bekommen.

Chinesische Kleinhändler
am Bahnhof von Zabajkalsk
Aleksejs müdes
Gesicht wirkt im Neonlicht der Zollhalle noch fahler. Zwei Wochen lang
hat er unentwegt mit den russischen Beamten verhandeln müssen,
erst jetzt wurden seine chinesischen Traktoren freigegeben. Wenn die
zwölf Zugmaschinen morgen auf russischen Eisenbahnwaggons Richtung
Westen abgehen, ist Aleksej schon auf dem Weg nach Hause. Die Landmaschinen
hat der 41-Jährige in Hailar, drei Zugstunden hinter der Grenze,
gekauft. «Inzwischen liefern die Chinesen zuverlässige Qualität
und auch der Preis ist konkurrenzlos günstig», freut sich
der studierte Maschinenbauingenieur.
«Das grosse
Geld dieser armen Region wird hier verdient», erklärt Aleksej
Michajlowitsch. Wieviel Zoll und Schmiergelder er zahlen musste, um
die Fuhre genehmigen zu lassen, hütet er als Geschäftsgeheimnis.
Doch unten am Fuss des Hügels ist die Villen-Siedlung der Zöllner
– die der Volksmund «Santa Barbara» nennt –
der Beweis dafür, dass einige Menschen auf russischer Seite harte
Dollar erwirtschaften.
Steppenwind wirbelt
Plastictüten durch die kahle Landschaft. Das Hotel «Rossija»,
in dem Aleksej ein Zimmer bewohnt, gleicht einer Karawanserei des 21.
Jahrhunderts. Die Gäste – allesamt männlich –
steigen hier zum Handel mit dem Nachbarland China ab. Auch im «Kristall»
und dem von Chinesen bevorzugten «Zolotoj Lotos», den anderen
beiden Herbergen am Ort, mieten sich fast ausschliesslich Händler
ein. Die überteuerten Preise und schlechten Standards halten die
Gäste von den grauen Absteigen nicht fern, sämtliche Zimmer
sind ausgebucht.
Um die 10 000 Einwohner
zählt Zabajkalsk seit es 1966 zur Gemeinde erhoben worden ist.
Das Brummen der Diesellokomotiven und das Ächzen der Waggons dröhnen
durch die staubige Gemeinde. Touristen verirren sich auf ihrer Reise
entlang des Grossen Sibirischen Weges nach Peking nur selten hierher.
Eine melancholische Stimmung durchdringt die Siedlung. Halbwüchsige
und alte Männer hängen an der Flasche, beäugen jeden
Fremden. Pünktlich zum Sonnenuntergang lungert der obdachlose Nikolaj
auf dem Treppenabsatz vor dem «Rossija» herum. Bisweilen
spendieren Hotelgäste dem 52-jährigen Bier und Zigaretten.
Der Mann trägt ein schwarzes Olympia-T-Shirt mit dem Aufdruck «Beijing
2008». Auf Nikolajs linker Hand sind sechs Buchstaben eintätowiert,
die nach Verbannung klingen: «Wostok» – «Osten».

Regionalverwaltung
von Zabajkalsk
Strukturprobleme,
mit denen der Osten Russlands seit dem Untergang der Sowjetunion zu
kämpfen hat, manifestieren sich in der Tristesse der Steppensiedlung,
die sich kilometerlang an die Bahngleise schmiegt. Lediglich Werbetafeln
der Mobilfunkkonzerne und japanische Gebrauchtwagen – das Steuerrad
rechts – künden von der neuen Zeit. Die einzige asphaltierte
Strasse ist von niedrigen Stein- und Holzhäusern aus der Nachkriegszeit
gesäumt. Am Bahnhof verrottet seit der Pleite des Investors ein
zehngeschossiger Rohbau. Kühe weiden vor der Regionalverwaltung,
eine ockerfarbene Lenin-Büste steht verloren davor. Ein neues Schulgebäude
fällt auf. «Die alte Mittelschule ist im Winter abgebrannt,
die Provinzregierung hat ausnahmsweise schnell Geld für einen Neubau
bereitgestellt», sagt die Anwohnerin Vera Pawlowna, die einst
bei der Eisenbahn arbeitete.
Das Leben der Rentnerin orientiert
sich wie das jedes Bewohners an der Grenze. Seit ihrer Pensionierung
fährt sie regelmässig nach Manzhouli zum Einkaufen. Das ewige
Warten, das Schubsen «der Chinesen» in der Schlange für
Gruppenreisende rege sie nicht mehr auf. «Einmal pro Woche, öfter
lassen uns die Zöllner nicht nach drüben. Sie befürchten
wohl, dass wir sonst gar nichts mehr zu Hause kaufen», sagt die
69-jährige Frau. Sie hat die ganze Geschichte von Aufbruch und
Niedergang miterlebt, ihr eigenes Leben ist ein Spiegelbild der Höhen
und Tiefen dieser Grenze.
Erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit Vollendung der kolonialen Erschliessung
Sibiriens durch das Russische Imperium und der Unterzeichnung der «Ungleichen
Verträge», fand die Grenze ihren heutigen, für Russland
günstigen Verlauf. Der Bau der Ostchinesischen Eisenbahn um das
Jahr 1900, als ein exterritoriales Teilsegment der Originalroute der
Transsibirischen Eisenbahn durch ein dem westlichen Leser als Mandschurei
bekanntes Gebiet gelegt, verknüpfte diese dünn besiedelte
«Frontier» mit dem europäischen Teil Russlands ebenso
wie wenig später mit dem chinesischen Kernland südlich der
Grossen Mauer.
Beide Städte
verdanken ihre Existenz dieser Transportader, die sich hier mit der
politischen Schicksalslinie – einer der längsten Landgrenzen
der Erde – kreuzt. In Friedenszeiten war diese Schnittstelle eine
Arena hoher Transportaufkommen zwischen der Sowjetunion und China, in
Zeiten politischer Antagonismen ein Schauplatz der Abschottung, ein
Aufmarschgebiet des Militärs. Je nach politischer Grosswetterlage
fuhren die Züge durch die beiden kolossalen Betontore, die den
Reisenden die Ankunft im anderen Land anzeigen, oder sie standen still.
In den 50er Jahren
verkündeten rote Banner auf dem Bahnhof von Manzhouli die «ewige,
innige Freundschaft des chinesischen und sowjetischen Volkes».
Die junge Volksrepublik empfing sowjetische Delegationen unter musikalischer
Begleitung und enthusiastischem Applaus der wartenden Gäste. «Es
herrschte Hochbetrieb an der Grenze, täglich gingen mehrere Güterzüge
nach China ab», erinnert sich Vera Pawlowna, die vier Jahrzehnte
lang die Waggons abfertigte. «Buntmetalle, Autos, Landmaschinen,
Militärtechnik, Holz, Seife – was wir nicht alles an Bruderhilfe
geliefert haben!»
Mit der politischen
Eiszeit zwischen Moskau und Peking, die in späten 60er Jahren in
einen blutigen Grenzkonflikt mündete, zogen Hunderttausende von
Soldaten beider Staaten an der Grenze auf. Zabajkalsk war erneut Endstation.
Auf Manzhouli gerichtete sowjetische Flutlichtscheinwerfer machten die
Nacht zum Tag, Jets der Roten Armee flogen im Tiefflug über die
Grenze. «An einem Märzmorgen 1969 lagen die Mobilisierungsbefehle
für unsere Ehemänner in den Briefkästen – einen
knappen Monat lang lebten wir im Kriegszustand», erinnert sich
Vera Pawlowna. Während der ersten Jahre der Kulturrevolution sei
es immer wieder zu Zwischenfällen gekommen. «Einmal sollte
ich den Zug Peking-Moskau über die Grenze begleiten. Doch Rote
Garden setzten die Bahn und uns Schaffner fest, sie beschmierten die
Waggons mit Parolen wie <Nieder mit der Sowjetunion>», berichtet
die Frau.
Zabajkalsk gehörte
bis in die 90er Jahre zum militärischen Sperrgebiet, erreichbar
nur mit Passierschein. Seit der Schlagbaum offen ist, gelten andere
Regeln. Sowjetische Formen und Farben können nur oberflächlich
darüber hinwegtäuschen, dass Russland im Fernen Osten an Gewicht
verliert. Erstmals in der Geschichte der russisch-chinesischen Beziehungen
scheinen alle wichtigen Faktoren wie Demografie und Ökonomie gegen
Moskau zu arbeiten. Russlands Territorien an der Grenze zu China –
so gross wie Europa und lediglich von gut sechs Millionen Menschen bevölkert
– haben seit dem Untergang der Sowjetunion bereits anderthalb
Millionen Bewohner verloren. Der Nordosten Chinas zählt hingegen
mehr als 130 Millionen Menschen – jedes Jahr kommt eine weitere
Million hinzu.
Das Schlagwort der
«Gelben Gefahr» hat in Russland eine lange Geschichte. Das
Gros der Arbeiter auf den Baustellen der Transsibirischen Eisenbahn
Ende des 19. Jahrhunderts stammte aus China. In allen wichtigen Zentren
Sibiriens gab es kleine China Towns. Obwohl man auch heute in China
von «verlorenen Territorien» spricht, die bis zum Baikal
reichen, ist eine Überfremdung nicht zu befürchten. Derzeit
leben etwa eine Viertelmillion Chinesen in Russland östlich des
Urals. Dennoch ist das gefährliche Spiel mit alten Feindbildern
bei populistischen Politikern in Russland beliebt, auch um vom eigenen
Unvermögen abzulenken.
Lange Zeit hing
der Ferne Osten am Subventionstropf der sowjetischen Planwirtschaft;
ein Grossteil der Volkswirtschaft war zudem eng mit dem Militärsektor
verwoben. Als 1991 die Sowjetunion implodierte, fiel über Nacht
die Hilfe aus Moskau weg. Nicht abgefertigte Güterzüge nach
China stauten sich am Bahnhof von Zabajkalsk. «Auf die Waggons»
seien damals alle gestiegen, erinnert sich Vera Pawlowna. Anwohner und
Zugereiste plünderten, bis die Armee eingriff. Wenig später
ersetzten chinesische Importe die einstige Warenpalette des «Grossen
Bruders». Inzwischen seien viele Chinesen hochnäsig geworden,
meint die Rentnerin. 