,O’zapft is“ auf ChinesischI

Seit 2001 richtet die Stadt Harbin ein Bierfest aus. Dabei scheut man sich nicht vor Vergleichen mit dem Oktoberfest.

Auch Chinesen trinken Bier, besonders lokale Marken sind gefragt. ,,Natürlich trinke ich Harbin-Bier am liebsten. Es hat einen runden, frischen Geschmack“, sagt Taxifahrer Wang Qiang - ganz wie in einem Werbespot - und legt seine Hande auf den nackten Bauch. An einem langen Holztisch in dem überfüllten Festzelt stösst Herr Wang mit seinen Fahrer-Kollegen an. ,,Weil ich aus Harbin komme, ist unser Bier das beste.“ Lokalpatriotismus, so einfach ist das. ,,Ganbei - Prost“, ruft Taxifahrer Wang seinen Kollegen zu. Nur einmal im Jahr ist in Harbin Bierfest. Zwei Wochen Ausnahmestimmung, in denen der Mann mit den grossen getonten Brillenglasern mehr am Tresen als hinterm Steuer seines VW-Jetta anzutreffen ist.

Auch Harbiner haben dicke Bäuche

Die Millionenstadt Harbin im Nordosten Chinas ist die Keimzelle der Bierkultur im Reich der Mitte. 1900 wurde die Harbiner Brauerei von russischen Juden als erste Biermarke im damals noch kaiserlichen China gegründet. Erst drei Jahre später folgte die Brauerei des heute weltweit bekannten Tsingtao-Bieres, das von deutschen Siedlern in der deutschen Besitzung Qingdao gebraut wurde.

Harbin, die Stadt am Songhua-Fluss, ist selbst nicht viel alter als ihr Bier. Ende des 19. Jahrhunderts beschloss der russische Zarenhof, ein Teilstück der Transsibirischen Eisenbahn über chinesisches Territorium zu verlegen. Harbin wurde Knotenpunkt und Verwaltungssitz dieser neuen Verkehrsader. Die Stadt im Zentrum der Mandschurei entwickelte sich zu einer Handelsmetropole mit vorwiegend chinesischer und russischer Bevölkerung. Als Zehntausende Russen vor den Kommunisten emigrierten, zählte Harbin mehr als 200000 Einwohner.

Bier-Tradition seit 100 Jahren

Obwohl Bier in China eine mehr als einhundertjährige Tradition hat, ist die Renaissance des Gerstensaftes erst kurz. ,,Früher, als ich jung war, haben alle Schnaps getrunken“, sagt Herr Wang. Inzwischen hat er die Vorzüge des Bieres erkannt. ,,Man muss nicht unbedingt was dazu essen wie beim Schnaps. Ausserdem kann ich nach zwei Flaschen Bier noch hinterm Lenkrad sitzen“, sagt der Taxifahrer.

Erst seit Mitte der 80er Jahre begann das Hopfengebräu, den traditionellen chinesischen Spirituosen den Rang abzulaufen. Anfangs sei Flaschenbier kaum erhältlich gewesen, erinnert sich der 45-jahrige Wang. ,,Vom Bierwagen auf der Strasse oder vom grossen Kanister im Laden gezapft, wurde es direkt in Thermoskannen abgefüllt.“ Die Kannen haben das Bier bis zu einem Tag kühl halten können. Doch so alt wird das Bier meist gar nicht.

 

Seit 2001 richtet Harbin im Sommer ein Bierfest aus. In diesem Jahr wagt man bereits den Vergleich mit der Welthauptstadt der Bier-Kultur: ,,Egal ob Bier, Musik oder Architekturstil - München und Harbin weisen verblüffende Parallelen auf“, heisst es auf einer Werbetafel. Tatsachlich ist das Flair des Zentrums der Sechs-Millionen-Metropole europäisch. Prächtige Geschäfts- und Bürgerhäuser im Jugendstil und Neo-Barock, Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem von russischen und jüdischen Kaufleuten gebaut, säumen die Fussgängerzone. Harbin rühmt sich mit dem höchsten Bierkonsum im Reich der Mitte. ,,Wir haben die dicksten Bauche in ganz China“, sagt Herr Wang und präsentiert seinen als sichtbaren Beweis. Die Trinkfestigkeit der Harbiner sei landesweit einmalig.

Hoch die Gläser in China

Dennoch, manch ausländischer Gast vermisst das ,,Prosit auf die Gemütlichkeit“ auf dem zweiwöchigen Fest: Rote Lampions statt weiss-blauer Dekoration, Pop- statt Blasmusik, Muscheln und Tintenfisch statt Leberkäs‘ und Weisswurst, schlankes Damenbein und Minirock statt Lederhose und runde Schenkel - ganz wie in München fühlen sich die Besucher trotz Pferdekutschenumzugs und Trinkwettbewerben in Harbin nicht.

48 Biersorten im Angebot

,,Wir brauchen Vielfalt. Das Bierfest ist hauptsachlich eine Veranstaltung der Harbin-Bier-Brauerei“, sagt Guo Yi, der im Zhaolin-Park den ,,Europa-Biergarten“ betreibt. Insgesamt 48 Sorten aus aller Welt hat der Schankwirt im Angebot: Kingfisher aus Indien, Cass aus Südkorea, Pecheresse aus Belgien und Kostritzer wie Erdinger aus Deutschland - in Dosen und Flaschen zu Preisen zwischen umgerechnet zwei und vier Euro. ,,Uns fehlt nur die Blaskapelle, sonst ist die Stimmung hier fast wie auf der Wies’n in München.“ Nicht ganz stilecht wird das Hefeweizen in kleinen chinesischen Bierglasern serviert. ,,Nächstes Jahr werde ich hohe Glaser aus Deutschland liefern lassen“, sagt Guo, der eher wie ein Investmentbanker als ein gemütlicher Kneipier wirkt.

Auch wenn in China der Bierkonsum stark zugenommen hat, ist man noch weit von europäischen Massstäben entfernt. Vor Deutschland, das knapp 1300 Brauereien zahlt und dessen Bewohner nach den Iren und Tschechen Spitzenreiter im Biergenuss sind, hat Taxifahrer Wang deshalb grossen Respekt. ,,Ihr könnt einfach mehr trinken“, sagt er.

(über dpa unter anderem in Sächsischer Zeitung, Mitteldeutscher Zeitung und Focus online, August 2007)

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