Amour jenseits
des Amur I
Junge Frauen
aus dem Fernen Osten Russlands suchen im nahen China ihr Glück.
Manche werden fündig.
Zurückgelehnt
ins weiche Polster des Buick Shanghai gleitet Anastasia durch den Harbiner
Berufsverkehr. Sie prüft ihr Make-up im Beifahrerspiegel. «California
Dreaming» summt aus den Boxen. Sergej, der seine große Schwester
vom Einkaufsbummel nach Hause chauffiert, ist stolz auf sie und auf
die rote Limousine, die er fährt. Hinters Steuer der Nobelkarosse
darf Sergej seit sein chinesischer Schwager sich eine Mercedes S-Klasse
gekauft hat. Geschickt steuert er den Wagen an Kleinbussen und Dreirädern
vorbei, wie es sich für den Chauffeur einer Grande Dame gehört.
Hier im Nordosten Chinas beginnt für viele Russen ein neues Leben.
Im Sommer 1990,
ein Jahr bevor die Sowjetunion untergeht, fährt Anastasia zum ersten
Mal ins Ausland. Für Russen aus Wladiwostok bedeutet das schon
damals – nach China. In Mudanjiang studiert sie für ein paar
Wochen die schwierige Sprache des Nachbarlands. Das simple Leben in
der nordostchinesischen Provinzstadt unweit der Grenze, die Exotik der
fremden Nähe erscheint ihr bunter, als der sozialistische Alltag
daheim. Die Wochen in der Volksrepublik verändern ihr Leben. Sie
kündigt ihren Job als Kindergärtnerin und arbeitet die nächsten
Jahre als Sekretärin in einem russisch-chinesischen Jointventure;
sie möchte unbedingt wieder zurück ins Reich der Mitte. Als
Tänzerin verdient sie nebenbei ein bescheidenes Zubrot.
Buntes Licht der
kyrillischen Ladenreklamen spiegelt sich im Lack, als der blank polierte
Buick die Gogolstrasse hinaufbraust. «Es gibt hier Orte, an denen
man sich wie in Russland fühlt», sagt Anastasia heute über
Harbin, nach zwölf Jahren China. Beinahe wie in der Heimat, nur
schöner sei es hier. Postmoderner Stuck verdeckt chinesischen Beton
seit die Strasse ihren historischen Namen wieder trägt. Anastasia
hat selten Heimweh. An den auf Europa getrimmten Fassaden und in der
Zentralstrasse, der historischen Fußgängerzone Harbins, mit
ihren prächtigen neobarocken Geschäftshäusern aus den
20er Jahren, scheint Europa ganz nah. «Bis heute wirkt der europäische
Einfluss nach, Architekten der neuen Häuser lassen sich vom historischen
Erbe inspirieren», sagt Anastasia.
Die Provinzhauptstadt
im Nordosten Chinas zählt heute sechs Millionen Einwohner –
fast alle sind Chinesen. In den Gründerjahren Anfang des 20. Jahrhunderts
war Harbin eine politische und kulturelle Hochburg des russischen Exils.
Die Intelligenz, die Weissen Armeen und Unternehmer flohen nach dem
verlorenen Bürgerkrieg vor den herannahenden Kommunisten in die
noch junge Eisenbahn- und Kolonialstadt in der Mandschurei. Binnen Dekaden
wuchs Harbin zu einer multikulturellen Metropole auf 200 000 Menschen
an.

Die Sophia-Kathedrale
im Zentrum von Harbin
Im Spätherbst
1993, drei Jahre nach ihrer ersten China-Visite, tourt Anastasia als
Tänzerin mit einem Varieté-Ensemble durch Südchina,
wo sie Sun Hongwei begegnet. Reisterrassen und Monsun statt Birkenwälder
und klirrender Frost – anfangs sei die Tournee im Reich der Mitte
wie ein Traum gewesen. Ihr zukünftiger Ehemann, ein Kulturmanager
mit einem runden, fröhlichen Gesicht, begleitet damals die Tanztruppe.
Weil ein Veranstalter sie betrogen hat, gerät das Ensemble in finanziellen
Schwierigkeiten. Bald müssen die Tänzer in jeder größeren
Stadt auftreten, der Weg zurück nach Russland scheint immer länger
zu werden. Die Gagen reichen gerade, um Fahrtkarten bezahlen zu können.
Hongwei und Anastasia kommen sich in diesen schwierigen Wochen näher,
verliebten sich auf der Odyssee durchs chinesische Hinterland. Im letzten
Moment, als die Tänzer am Bahnhof von Harbin endlich in den Zug
nach Russland steigen können, überwindet Hongwei seine Scheu:
«Musst du wirklich nach Hause? Wir werden uns wohl nie wieder
sehen. Bleib hier, werde meine Frau!» Der Zug gen Heimat geht
ohne Anastasia ab. Von nun an blieb sie an der Seite von Hongwei.
Heute nennt sie
Harbin, den Geburtsort ihres Mannes, ihre Heimat. Hier hat sie Chinesisch
studiert, spricht die Sprache inzwischen fliessend. Leute aus der Nachbarschaft
grüssen sie mit einem Lächeln. «In Harbin gibt es gibt
sehr viele Möglichkeiten für Russen. Das Leben ist einfacher
als in Russland. Man wird nicht kontrolliert, nicht belästigt,
ich fühle mich hier sicher», sagt sie. 
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Als ihr Bruder mit
dem Wagen in der Tiefgarafe abtaucht, geht Anastasia über die Strasse
zur Maniküre. Die junge Frau mit den vollen Lippen pustet sanft
den Lack trocken. Dass sie schon 37 Jahre alt ist, glauben ihre nicht
einmal ihre Freunde. Kritisch begutachtet sie ihre Fingerspitzen, dreht
die Hände hin und her. Golden leuchten die Nägel mit einem
schmalen roten Streifen. «Das passt doch gut zum Sommer»,
sagt die junggebliebene Frau. Sie legt 30 Yuan auf den Tisch –
umgerechnet drei Euro. Jede Woche gehe sie zur Maniküre, jede Woche
eine andere Farbe. «Jetzt habe ich die Zeit dafür, das war
nicht immer so», sagt sie und wedelt mit den Händen.
Ende 1993, die Heiratsunterlagen
in China eingereicht, fährt das verliebte Paar nach Wladiwostok,
um sich dort ebenfalls zu registrieren. Als Anastasias Eltern davon
erfahren, dass ihre Tochter einen jungen Chinesen geheiratet hat, stellen
sie sich ebenso wie Familie Sun gegen die Hochzeit. «Auch viele
meiner Freunde und alten Klassenkameraden zeigten kein Verständnis.
Ich war es Leid, mich ständig rechtfertigen zu müssen»,
sagt sie. Damals in Wladiwostok, im Winter 1993, blies beiden ein eisiger
Wind ins Gesicht. Sie verließ ihre Eltern und mietete sich mit
Hongwei eine eigene Wohnung. «Damals hatten wir nicht einmal genug
Geld für die Heizung», erinnert sich Anastasia heute.
Vom Maniküre-Studio
geht sie zurück nach Hause, nur ein paar Meter sind es über
die Strasse. Mit ihrem Mann bewohnt sie seit drei Jahren ein Apartment
in einer exklusiven Wohnanlage an der Zentralstrasse, vier Zimmer für
umgerechnet 23 000 Euro. Im Foyer des Arpartmentkomplexes plätschert
ein Marmorbrunnen, sie wartet auf den Fahrstuhl. In der Messingtür
spiegelt sich Anastasias lockiges Haar, sie zupft es zurecht. Der Liftboy
fährt sie in den elften Stock.
Nicht immer war
ihr Leben so unbeschwert wie heute. Mitte der 90er Jahre zog das junge
Paar zurück nach Harbin. Damals bauten beide in Russland und China
eigene Tanz-Ensembles auf, gründeten ein Jointventure für
kulturellen Austausch und Kooperation. Bald kauften sie ihr erstes Auto,
dann eine kleine Wohnung – die schwierigen Jahre, als Menschen
an die Wohnungstür klopften und Schulden einforderten, waren vorüber.
Inzwischen investieren sie ihre Gewinne in eine Zuckerfabrik in der
südchinesischen Provinz Yunnan.
Vom Balkon ihres
noblen Apartments blickt Anastasia hinab auf die Dächer des historischen
Zentrums von Harbin. Für viele Menschen aus dem strukturschwachen
Fernen Osten Russlands sei China das gelobte Land. «Es gibt sehr
viele russische Studenten und Fremdsprachenlehrer an den Universitäten,
Manager und Dolmetscher in internationalen Firmen», sagt Anastasia.
Ein Grossteil des kulturellen Lebens in Harbin wird heute wieder von
Russen bestimmt. «Die renommiertesten Ballett- und Klavierlehrer,
auch die Eiskunsttrainer kommen heute aus Russland.» Es sei eine
Frage von Prestige, einen russischen Lehrer zu engagieren.
Über hundert
russisch-chinesische Paare leben mittlerweile in Harbin. Meist sind
es Chinesen, die sich ihre Braut in Russland suchen. Nicht erst seit
der Ein-Kind-Politik herrscht in China Männerüberschuss. In
Russland hingegen sterben viele junge Männer durch Kriminalität
oder Alkohol, bevor sie ihre Auserwählte um das Ja-Wort bitten
können.
Doch nicht alle
Mädchen aus Russland finden südlich des Amur ihr Glück.
Anastasia spricht nur ungern über die Schattenseiten der neuen
russisch-chinesischen Freundschaft. Sie erzählt von ihrer Freundin
Katja, die ebenfalls aus Wladiwostok nach Harbin kam. Anfangs verdiente
sie gutes Geld als Fotomodell. «Sie war auf den Werbebannern der
Omnibusse in Harbin präsent», sagt Anastasia. Doch dann als
Nachtclub-Tänzerin rutschte sie ab in die Prostitution. «Bei
anderen geht das viel schneller. Die wollen in den Sommerferien gutes
Geld verdienen und enden dann im Puff.» Das war schon einmal so.
Viele Töchter der russischen Elite aus der Zeit vor der Oktoberrevolution,
als Emigranten in Harbin und Schanghai gestrandet, ernährten ihre
verarmten Familien damals als Edelprostituierte. Bis heute hält
sich dieser Ruf der «leichten russischen Mädchen» hartnäckig
unter Chinesen.
Alessia Sun hat
den Spagat zwischen Russland und China geschafft. Im März 2003
geboren, ist die Tochter von Anastasia und Hongwei im Kindergarten unter
Chinesen aufgewachsen; zu Hause und in den Sommerferien bei der Großmutter
spricht sie dagegen Russisch. «Sie hat einen australischen Englischlehrer
und im Kindergarten gibt es eine Tanzausbildung», sagt Anastasia.
Inzwischen kennen sich auch die Schwiegereltern, man besucht sich gegenseitig.
Ihr Bruder Sergej, der seine Schwester im Buick chauffiert, ist selbst
in Harbin sesshaft geworden. Wo ihre Tochter zur Schule gehen werde,
wisse sie noch nicht. «Sie ist in beiden Ländern zu Hause.

(dpa,
November 2007)
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