Verbrecherische
Versuche am Menschen
Das chinesische
Pingfang - Mahnmal und Ikone japanischen Terrors
Während der
Befreiung Nordostchinas von den japanischen Besatzern vor sechzig Jahren
stiessen Truppen der Roten Armee bei Harbin auf Spuren schlimmster Kriegsverbrechen.
Egoismen in Tokio und Peking sorgen heute dafür, dass dieser Ort
des Terrors zunehmend zur Projektionsfläche eines zweifelhaften
Patriotismus wird.
Das auf den ersten Blick unspektakulär wirkende ehemalige Verwaltungsgebäude
an der Hauptstrasse von Pingfang, einem trostlosen, zwanzig Kilometer
ausserhalb gelegenen Vorort Harbins, der Hauptstadt der chinesischen
Provinz Heilongjiang, beherbergt eine Ausstellung über eines der
schlimmsten Kriegsverbrechen Japans während der knapp fünfzehn
Jahre währenden Okkupation. Die wenigen steinernen Überreste
des Schreckens, die heute von der provinziellen Idylle aus Wohnblocks
und Geschäften gesäumt sind, verharmlosen dieses schlimme
Kapitel der chinesisch-japanischen Geschichte.

Die Gedenkstätte
in Pingfang
Doch kaum hat der
Besucher die ersten Ausstellungsräume im zweiten Stockwerk über
eine düstere Treppe betreten, schlägt dieser Eindruck um.
Plötzlich werden dem Gast Erinnerungen an die KZ-Gedenkstätte
Auschwitz-Stammlager präsent, denn in dem Dokumentationszentrum
wird der Gast ebenso mit Modellen aus Gips und Wachs, an denen sich
die Grausamkeiten der Japaner im Detail studieren lassen können,
konfrontiert: Sezierungen am lebendigen Leib, Gefrierexperimente oder
gestapelte Leichname im Krematorium, untermalt mit Schreien von einem
Tonbandgerät.
Gewiss gibt es reichlich
Anlass, mit Kritik an derartig radikalen Ausstellungsmethoden zu sparen.
Die Kriegsschuld Japans lässt sich ebenso wenig leugnen wie die
an diesem Ort verübten Verbrechen. Auch die Wut auf die Bagatellisierung
von Kriegsverbrechen durch die Regierung in Tokio scheint nachvollziehbar.
Allein das Massaker von Nanjing forderte 1937 bis zu 300 000 Tote,
offiziell beziffert China die Zahl seiner Opfer während der Okkupation
auf 35 Millionen.
Andererseits wirken
die Darstellungen der Gedenkstätte von Pingfang bisweilen aufgesetzt
und folgen einer spezifischen Ästhetik, die sich nach Ian Buruma
durch "eine seltsame Mischung aus heiligen Gedenkstätten,
auf denen das chinesische 'Martyrium' dargestellt wird, und Horrorkabinetten"
auszeichnet. Ihre Botschaft transportieren die Museumspädagogen
auf Schautafeln mit einer Subtilität, die an plumpe Kriegspropaganda
erinnert: Nur eine grosse, gestählte Nation wird das Überleben
der chinesischen Rasse, der Tausende Jahre währenden Zivilisation
garantieren.
Gedenkstätte
und Horrorkabinett
In der Gedenkstätte
von Pingfang erfahren wir dennoch Sinnvolles: So lernen wir, dass bereits
kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges man in Japan Interesse am
Studium einer biologischen Kriegsführung zeigte. Unter der Leitung
des Mikrobiologen Ishii Shiroo, Absolvent der medizinischen Fakultät
der Kyoto-Universität, der sich nach seinem Examen der Armee anschloss,
betraute das medizinische Kolleg der kaiserlichen Truppen alsbald ein
Team von vierzig Forschern mit der Entwicklung entsprechender Waffen.
Als die Soldaten
des Kaisers Hirohito 1931 zuerst Nordostchina und später weite
Landesteile Chinas überrollten, wurde das Zentrum bakteriologischer
Untersuchungen in den Norden der Mandschurei verlegt, auch um für
eine mögliche Offensive gegen die Sowjetunion gerüstet zu
sein. Ishii baute 1933 im Harbiner Stadtteil Nangang ein Labor und in
Beiyinhe eine bakteriologische Fabrik auf. Einer Weisung des Kaisers
folgend, gründete man 1936 zwei Sondereinheiten, von denen Ishii
eine befehligte, die ab 1941 den Namen "Einheit 731" trug.
Ihre Aufgabe war es, die chinesische Bevölkerung mit Cholera, Milzbrand,
Beulenpest und anderen tödlichen Krankheiten zu infizieren und
durch Laborversuche an "lebendem Menschenmaterial" und Giftgaseinsätze
im Feld Zivilisten massenhaft zu töten. 