Politik auf unserer HautI

In seinem neuen Roman "Kriegspack" nähert sich Ha Jin dem amerikanischen Leser durch die Hintertür und beschert uns einen authentischen Einblick in die Abgründe des Koreakrieges
 
Glaubt man Ha Jins Sprache, so ist sein dritter, mit dem PEN/Faulkner-Award ausgezeichneter Roman nur eine Station auf der Reise von China nach Amerika. Obwohl Ha Jin, 1956 in Nordchina geboren, bereits seit 1985 in seiner Wahlheimat Amerika lebt und ebendort die Professur für Englische Literatur an der Boston University innehat, bewegt sich der Erfolgsautor noch vorsichtig, muß seine Sprache wie einst Vladimir Nabokov oder Philip Roth erst den neuen Umständen anpassen. "Kriegspack" ist ein Testfeld auf seiner Reise von China nach Amerika, aber vor allem: ein großartiger Roman.

Ha Jin widmet das Buch seinem Vater, einem Veteranen des Korea-Krieges. In der Figur des unglücklichen Yu Yuan verdichtet sich der ganze Unsinn der Ideologien und der so erstaunlich fern zurückliegenden Epoche des Weltbürgerkriegs. An seinem Lebensabend beschließt der Protagonist, das Tattoo von seinem Bauch unterhalb des Nabels entfernen zu lassen. Es wird ihn nur einen kurzen Moment kosten, diese häßliche Spur des Koreakrieges von seinem Körper zu tilgen. Von nationalchinesischen Anhängern Chiang Kai-sheks auf die Haut gebrannt, als er sich weigerte, sich ihrer Fraktion anzuschließen, wurden die englischen Worte – FUCK COMMUNISM – von den Kommunisten später, nach erfolgter Repatriierung nach China, mit chirurgischer Hilfe zu – FUCK ...U...S – verkürzt. Der "Talisman" rettete Yu Yuan in der Volksrepublik fast fünf Jahrzehnte vor Repressionen.

Indes brauchte der intellektuelle, sanfte Charakter mehr als ein halbes Menschenleben, um seine Memoiren zu notieren. Gedanken und Erinnerungen aus jenen drei Jahren, die sein Leben für immer veränderten. Der inzwischen pensionierte Englischlehrer aus Changchun schreibt sie nieder, die Eindrücke aus dem unentwegten Leben zwischen den Fronten, damit eines Tages seine Kinder und Enkel in Amerika die volle Kraft des Tattoos, die Schande des Krieges verstehen können.

 

 

Als junger Soldat der 180. Division der Volksbefreiungsarmee überquert Yu Yuan im Frühling 1951 den Yalu, der Korea von China trennt. Bald geraten Yu und einige der wenigen überlebenden Kameraden in amerikanische Kriegsgefangenschaft. In Camps auf den Inseln Koje und Cheju vor der Küste Südkoreas zerreibt sich Yu Yuan schon bald zwischen den innerchinesischen Fronten der Kommunisten und Nationalisten. Der ruhige, idealistische Mann, gefangen zwischen beiden verfeindeten Ideologien, verliert rasch den Glauben an jene Menschen, die sich nur der Politik widmen und dabei ihre Menschlichkeit einbüßen. Doch da der junge Yu Englisch, die lingua franca der Gefangenenlager, spricht, wird er von allen Parteien, auch den Koreanern und Amerikanern hofiert. Doch seine Pflicht zu dolmetschen bedeutet mehr Leid als Glück: Yu Yuan wird zum Freund und Feind des gesamten Lagers. Der Gefangene hat nur noch ein Ziel: Er möchte nach Hause, zurück nach China, zu seiner Verlobten und seiner Mutter. Doch als Yu Yuan endlich 1953 nach China zurückkehren kann, ist sein China ausgelöscht.

In diesem insgesamt gelungenen Werk beschreibt Ha Jin sehr feinsinnig den Alltag von Kriegsgefangenenlagern, spürt die Konfliktlinien unter den rivalisierenden Häftlingsgruppen und mit den amerikanischen Wärtern auf. Die Sprache des reflektierenden, bisweilen stoischen Ich-Erzählers, trägt beinahe dokumentarische Züge, die den Leser an Alexander Solschenizyns "Archipel GULAG" erinnern werden und wie ein authentischer Bericht über die Kriegsgefangenenlager des Korea-Krieges aus einer chinesischen Perspektive anmuten.

Als Ha Jin im Jahr 2000 begann, sein jüngstes Werk zu schreiben, waren die schrecklichen Bilder von Abu Ghraib und Guantánamo noch unvorstellbar. Heuer sind diese Namen Alltäglichkeiten aus den Nachrichten. So gesehen, hat Jin den Lesern in seiner Wahlheimat ein doppeltes Geschenk bereitet: Er konfrontiert sie – und nun auch den deutschen Leser – mit den Grausamkeiten neuzeitlicher Kriegsgefangenenlager und liefert unvergeßliche, fiktive Memoiren über den "vergessenen Krieg". Auf Ha Jins ersten Amerika-Roman darf man gespannt sein.

Ha Jin: Kriegspack. Roman. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2005. 460 Seiten, 15 Euro

(jungeWelt, 23. November 2005)

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