Anastasia
Tschernischowa, die Architekturstudentin, plädiert für einen
Mittelweg: "Es ist angenehm, eine Straße aus dem 18. Jahrhundert
zu überqueren und dann auf ein postmodernes Gebäude wie die
Piramida zu stoßen .. Man sollte sich wirklich zwei Mal überlegen,
ob die überlieferte Architektur unserer Stadt, wo sie noch vorhanden
ist, weiter so geschleift werden sollte, wie das in den vergangenen
Jahren der Fall war."
Bürgermeister
Kamil Izschakow denkt entschieden anders, auch wenn er in einem Masterplan
die "Interessen aller sozialen Gruppen der Region" zusammenführen
möchte. Fragen zum Erhalt der alten Viertel weicht er aus, beteuert
aber, dass "punktuell gewiss Mosaiksteine aus der Erbmasse unserer
Historie" gesichert bleiben. Die werden sich fraglos der Sorgfalt
von Denkmalschützern erfreuen, aber durch die Isolation im Stadtensemble
bestenfalls einen musealen Wert beanspruchen können.
Kasan
möchte eben kein kolossales Freilichtmuseum, sondern eine selbstgewisse,
wuchtig expandierende Metropole sein. In den Außenbezirken werden
weiter spalnye kvataly (Schlafviertel) gebaut, die sich einzig im Namen
unterscheiden: Nach Gorki, Asino-1 und Asino-2 werden durch die Stadtverwaltung
vorzugsweise jene Familien umquartiert, die bisher ihr Zuhause im Zentrum
wussten. Den Betroffenen bleibt keine andere Wahl, den Auflagen, die
bei einer Verweigerung des Umzugs drohen - drakonische Brandschutzverordnungen
in Holzbauten oder eine teure Sanierung -, können die meisten nicht
nachkommen. Die durch den Auszug ihrer Bewohner todgeweihten Häuser
des Stadtkerns geraten schnell in einen desolaten Zustand, die Gemäuer
sind ohnehin verrottet, nicht selten fehlt der Wasseranschluss, und
die Latrinen stehen im Hof. Oft mussten sich in den Altbauten drei Familien
eine Wohnung teilen und lebten damit in einer der typischen Kommunalkas.
In dieser Hinsicht sorgt der Umzug an den Stadtrand für Abhilfe:
Jede Familie erhält ihre eigene Wohnung. "Dieser Anreiz lässt
viele nicht lange zögern", meint Anastasia Tschernischowa,
deren Angehörige in Ametjewo wohnen, einer Siedlung kompakter Holzhäuser,
die sich in einem breiten Streifen am Ufer der Bulak-Seen entlang ziehen.
Erweckung
und Entfesselung
Kasan
und das Wolga aufwärts gelegene Nishni Nowgorod gelten nach russischer
Lesart als "Schönheiten der Provinz", deren Goldenes
Zeitalter begann, als die Wolga-Städte zu Beginn des 20. Jahrhunderts
in den Sog einer rastlosen Bautätigkeit gerieten und mit dem Anschluss
an das Eisenbahn- und Elektrizitätsnetz den Sprung nach Europa
schaffen wollten. Diese Periode der Erweckung und Entfesselung bescherte
auch städtebaulich einen Aufschwung, dessen Konsequenzen bis auf
den heutigen Tag zu erkennen sind und den Anspruch auf einen auch weiterhin
eigenständigen Weg rechtfertigen sollten.
Der Bau-Boom vor dem Kasaner Millennium 2005 aber - er brachte der Stadt
immerhin eine Untergrundbahn - erzählt eine andere Geschichte als
vor 100 Jahren. Die Architekten sind auf der Flucht vor der Geschichte,
sie warten mit Gesichtslosigkeit auf, mit plagiiertem Zierrat wie Türmchen,
ornamentierten Säulen, Stahl und Spiegelglas, die sich als Accessoires
einer so monogamen wie betonlastigen Instant-Bauweise zu erkennen geben.
Wer genau hinsieht, findet mit all dem architektonischen Radau jene
Ideenarmut orchestriert, wie sie Russlands "Weg nach Europa"
nicht selten eigen ist. Was als Flamme aufsteigen will, fällt als
plumper Stein herunter. Aber wie in Moskau oder Sankt Petersburg gilt
auch in Kasan Bauen als Prestigefrage. Die neuen Appartementhäuser,
die Bankgebäude oder Geschäftspassagen, die auf den vom Schamottstein
der Geschichte geräumten Freiflächen entstehen, werden übertrieben
dekoriert, als suche gedankliche Nacktheit nach angemessener Kostümierung.
Eine Exkursion durch die von der Erinnerung gefluteten Viertel wirkt
wie die Besichtigung eines bis zum Bersten überladenen Modellbaukastens.
Spuren
des stürmischen Aufbruchs
An
exponierten Orten Kasans schließen die Häuser mit einer für
russische Stadtbauten ungewohnten Dachschräge ab. "Aus ihren
Gaubenfenstern haben die Bewohner des sechsten Stocks einen freien Blick
bis zur Kasanka", erklärt Anastasia Tschernischowa. Sie verdient
für ihr Studium nebenbei einige tausend Rubel pro Monat als Innenarchitektin
und erfüllt, wenn gewünscht, die Träume der "Neuen
Russen". "Gauben gelten als modern, weil man sie für
westeuropäisch hält. Sie sind für das weite Russland
hinter der Wolga eigentlich völlig deplaziert, denn der Energieverlust
bei einer solchen Bauweise ist im Winter enorm. Aber wer sie will, der
soll Gauben haben ..."
Lassen
sich Gründe für die offenkundige Fremdbestimmung der Architekten
und ihrer Bauherren benennen? Es projektieren nur einige wenige Büros
wie das der erwähnten Tokarews, die engste Kontakte zu Bürgermeister
Izschakow und den Investoren pflegen. Gesamtrussische oder gar internationale
Ausschreibungen gelten als obsolet. Kasan bleibt daher einer gewissen
Provinzialität ausgeliefert. Die eigene Geschichte nicht völlig
an den Nagel zu hängen wie einen schmutzigen Mantel und Brücken
zu bauen ins Gelobte Land - nach Westeuropa und Nordamerika -, das scheint
ein kaum zu bewältigender Spagat. Andererseits: Auf der Butlerowa
Uliza steht ein weiteres Bauwerk der Tokarews
- das Hauptgebäude der Sberbank Tatarstans - und wirkt gar nicht
prunksüchtig, sondern schlicht und erhaben. Der Quader ist mit
einem zurückhaltenden Beige verputzt, verchromte Säulen rahmen
eine herausgestellte Fensterfront.
"Es
wird einen russischen Stil der Zukunft geben, aber wie er aussehen könnte
und worin wir uns von Westeuropa unterscheiden, das ist offen."
Anastasia Tschernischowa will zuversichtlich bleiben. "Die Wolga-Städte
haben kreative und risikobereite Architekten verdient. Nur so werden
Nishni Nowgorod, Saratow und Kasan sich selbst gerecht - als Laboratorien
des städtebaulichen Experiments. Erst dann wird man in Westeuropa
begreifen, das Russland weiter gedacht werden muss - weiter als bis
nach Moskau oder Sankt Petersburg."
*
Der von Konstantin Thon erbaute Kreml zählt seit 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
(Freitag
7, 18. Februar 2005)