Klar
ist: Die Kriegsschuld Japans lässt sich nicht leugnen, die Wut
auf die Bagatellisierung von Kriegsverbrechen durch die Regierung in
Tokio ist nachvollziehbar. Allein das Massaker von Nanking forderte
1937 bis zu 300.000 Tote, offiziell beziffert China die Zahl seiner
Opfer während der Okkupation auf 35 Millionen. Die regelmäßigen
Besuche des japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi am
Tokioter Yasukuni-Schrein, in dem auch verurteilter Kriegsverbrecher
gedacht wird, ist für viele Chinesen eine Verhöhnung ihrer
Geschichte.
Auch
Harbin selbst war ein Tatort der damaligen Besatzer. In Pingfang, vor
den Toren der Stadt, experimentierten japanische Wissenschaftler in
einer Forschungsanstalt ("Einheit 731") mit Menschen, um chemische
und biologische Waffen zu entwickeln - über 3.000 Chinesen und
mehrere Hundert Russen wurden dabei auf bestialische Weise getötet.
Nach Kriegsende gelangten die Forschungsergebnisse in die Hände
der US-Armee - die Schuld der Japaner blieb bis heute ungesühnt.
In
den achtziger Jahren, als die Volksrepublik ihren ökonomischen
Aufbruch wagte und in Japan einen Partner suchte, schienen die Schandtaten
aus der Zeit zwischen 1931 und 1945 zunächst vergessen. Seit jedoch
in China auch patriotische Erziehung sehr viel gilt, kennt jedes Kind
die Opferzahlen aus der Zeit der Unterwerfung durch die Kaiserliche
Armee. Nicht zufällig laufen derzeit in den Hauptnachrichtensendungen
des chinesischen Staatsfernsehens ausführliche Berichte über
die Gedenkfeiern anlässlich der Befreiung deutscher Konzentrationslager
vor 60 Jahren. Die Bundesrepublik erscheint für Chinas politische
Elite vorbildlich in Sachen Vergangenheitsbewältigung. Japanische
Initiativen, wie die des Menschenrechtsanwalts Keiichiro Ichinose, werden
hingegen verschwiegen. Dieser hatte trotz schwerer Vorwürfe in
Japan selbst seit 1997 über 200 chinesische Kläger vor einem
Tokioter Gericht vertreten, die Entschädigungen für die Kriegsverbrechen
der dreißiger und vierziger Jahre fordern. Geschichtspolitik bedient
die Konjunktur von Interessen, die Demonstrationen in China weisen die
Richtung.
(Freitag
16, 22. April 2005)