Humboldt
in Russland I
Die
Universität Kasan begeht ihren 200. Geburtstag
In der Gründung der Universität von Kasan nach deutschem Vorbild
vor zweihundert Jahren schlug sich der Bildungsoptimismus nieder, der
die Regentschaft Katharinas der Grossen prägte. Heute, dreizehn
Jahre nach dem Sturz des sowjetischen Regimes, leidet das Haus unter
Geldmangel, Abwanderung und verknöcherten Strukturen.
Zwei
Jahrhunderte Lehre und Forschung sind in Europa, wenn man auf Bologna
oder Krakau blickt, eine eher unerhebliche Zeitspanne. In Russland hingegen
begann vor eben dieser Zeit der Aufbau von fünf Universitäten
nach europäischem Muster. Am 17. November 1804 (bzw. 5. November
1804) wurde auf Erlass Alexanders I. in Kasan die erste autonome Universität
nach Humboldtschem Vorbild gegründet. Der Bildungsoptimismus unter
Katharina der Grossen, der bis in die ersten Jahre der Regentschaft
ihres Thronfolgers anhielt, hat neben der Inauguration an der Wolga
noch vier weitere Errichtungen oder Neustrukturierungen von bereits
bestehenden Universitäten, namentlich in Vilnius, Dorpat, Petersburg
und Charkow, ermöglicht.
Autonomie
nach deutschem Vorbild
Die
russische Wissenschaftsgeschichte reicht selbstverständlich weiter
zurück. Bereits im späten 16. Jahrhundert erprobte Boris Godunow
Pläne für die Schaffung einer höheren Bildung im Zarenreich
und scheiterte kläglich an der Wirklichkeit. Die von ihm zum Studium
ins Ausland entsandten jungen Adeligen kehrten zumeist nicht in ihre
Heimat zurück. Im Jahre 1755 wurde in Moskau die erste Universität
des Landes gegründet, obschon Petersburger Historiker bis heute
nachzuweisen versuchen, dass die erste Hochschule in der nördlichen
Hauptstadt anzusiedeln sei. Sie berufen sich dabei auf das Datum der
Eröffnung der Akademie der Wissenschaften 1724 und sprechen von
einer "akademischen" Universität, an deren 275-jähriges
Bestehen vor fünf Jahren aufwendig erinnert wurde.
Indes
unterschied sich die in Kasan neu gegründete Universität von
den älteren beiden Schwestern durch die Autonomie nach deutschem
Vorbild. So war der Professorenrat ein unabhängiges Gremium, das
selbst Rektoren und Dekane ernennen durfte. Überdies berief man
an der Wolga anfangs eine grosse Zahl von Professoren und sogar einen
Rektor, den Biologen Karl Fuchs, aus Deutschland. Dem heutigen Ehrenbürger
der Stadt wurde unlängst ein Denkmal gewidmet. "Wenn die
deutsche Wissenschaft die Mutter ist, so ist die russische ihre Tochter",
bemerkte der russische Historiker Sergei Fedorowitsch Platonow etwa
ein Jahrhundert später. Obwohl es in den ersten Dekaden immer wieder
zu herben Rückschläge kam, oft aus der Angst heraus resultierend,
dass Bildung eine für den Staat gefährliche Sache sei, avancierte
die Hochschule zu einem intellektuellen Vorposten im Osten des Zarenreiches,
der den interkonfessionellen und interkulturellen Dialog in der Wolga-Ural-Region
förderte und nicht zuletzt zum Aufbau zahlreicher Verlage und Schulen
beitrug.

Das
Hauptgebäude der Universität Kasan
Namen
wie der Wladimir Iljitsch Uljanow- Lenins, der als Siebzehnjähriger
für ein Jahr an der juristischen Fakultät immatrikuliert war,
oder wie der Nikolai Iwanowitsch Lobatschewskis, der in den Jahren 1816
bis 1856 als Professor in Kasan lehrte und die nichteuklidische Geometrie
begründete, machten die Universität auch über die Grenzen
des Zarenreichs, später die Sowjetunion hinaus bekannt. 
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Heute
zählt die Uljanow-Lenin-Universität zu den grössten und
angesehensten Hochschulen des Landes. Mehr als 16 000 Studenten lernen
an 17 Fakultäten, von denen sich insbesondere die naturwissenschaftlichen
einen Namen gemacht haben. So wurde nach dem Ende der Sowjetunion 1991
in Kasan die landesweit erste Ökologische Abteilung eingerichtet.
Das 2003 gegründete Butlerow-Institut für Chemie "steht
im gesamtrussischen Vergleich an erster Stelle", sagt Mjaksjum
Chalimullowitsch Sachalow. Vor zwei Jahren wurde der Physiker und Mathematiker
zum Rektor ernannt. Sachalow ist damit der erste tatarische Rektor in
der Universitätsgeschichte. In den Geisteswissenschaften ist insbesondere
die Fakultät für tatarische Philologie und Geschichte bemerkenswert.
Sie bildet das weltliche intellektuelle Zentrum der Muslime in Russland,
das die Universität heute zu einem wichtigen Mittler zwischen beiden
Religionen werden lässt und in Anbetracht der Rezentralisierung
Russlands einen intellektuellen Gegenpol zu Moskau darstellt.
Doch
nicht nur auf die wissenschaftlichen Leistungen ist man an der Wolga
stolz. Das klassizistische Ensemble aus dem 19. Jahrhundert, zu dem
unter anderem das Hauptgebäude, das Butlerow- Institut für
Chemie, die Sternwarte sowie die tatarische Nationalbibliothek und Akademie
der Wissenschaften zählen, ist für das architektonische Stadtbild
prägend. Die Russische Föderation und die Republik Tatarstan
investieren 509 Millionen Rubel (etwa 17 Millionen Euro) "in die
Erhaltung und Entwicklung des historischen und kulturellen Zentrums
Kasans", meint Rektor Sachalow zufrieden. Damit ist freilich nur
ein kleiner Teil der Gesamtkosten für die Rekonstruktion der Stadt
gedeckt, die sich auf ihren 1000. Geburtstag im kommenden Jahr vorbereitet.
Mit dem Aufbau des Ostflügels des Hauptgebäudes, dessen Realisierung
in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts der Russisch-Japanische Krieg
verhinderte, konnte immerhin, nach Originalplänen des deutschen
Architekten Müffke, die Symmetrie des Hauptgebäudes erstmals
vollendet werden.
Noch
immer die alten Strukturen
Doch
der strahlende Schein, den die leuchtenden Fassaden des Universitätsviertels
auf den Besucher dieser Tage machen, trügt. Seit dem Ende der Sowjetunion
befindet sich die russische Wissenschaft in einer tiefen Krise. Zwar
ermöglichen das Internet und der freie Zugang zu Archiven und Bibliotheken
heute eine relativ unabhängige Forschung, die Zeiten des "Büchergefängnisses"
(Goschranilischje/ Staatsarchiv), in das unangenehme Schriften verbannt
wurden, sind passé. Doch was unter dem Stichwort "Gajdarsche
Reformen" Moskau in der Wirtschaft ansatzweise gelang, blieb in
der Wissenschaft bisher unversucht. Knapp dreizehn Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung
Russlands haben sich die Strukturen der Lehr- und Forschungseinrichtungen
noch immer kaum gewandelt. Ein grosser Teil der Professoren ist betagt,
bisweilen nostalgisch gestimmt und verhindert Innovationen. Sie, aber
besonders die Nachwuchswissenschafter leiden unter den miserablen Gehältern
und der schlechten Ausstattung. 1996 war die Auszahlung der Löhne
komplett gestoppt worden, der Lehrbetrieb ruhte zeitweise. Wer gut ist,
geht.
Doch
es gibt erste Anzeichen einer Besserung. "In den letzten Jahren
hat sich die ökonomische Lage des Landes und mit ihr der Zustand
der Wissenschaft wieder stabilisiert", meint Rektor Sachalow zuversichtlich.
Die Hochschulen leben heute auch von nichtstaatlichen Geldgebern. Die
amerikanische Soros-Foundation hat beispielsweise Computer und Bücher
gestiftet. Der globale wissenschaftliche Austausch integriert die russische
Forschung und Lehre zunehmend wieder in die Weltgemeinschaft. So unterhält
die Kasaner Universität heute mit etwa vierzig Hochschulen in mehr
als zwanzig Staaten Partnerschaften. An der Wolga studieren mehr als
zweihundert ausländische Studenten, etwa doppelt so viele entsendet
die Hochschule in andere Länder.
Der
Austausch mit anderen Staaten ist für die Kasaner Universität
und die russische Wissenschaft insgesamt eine grosse Chance. Die Öffnung
zeigt, dass auch in ökonomisch schweren Zeiten Reformen möglich
und notwendig sind. "Mendelejews und Lomonossows wird es bei uns
immer geben", ist sich der 22-jährige Geschichtsstudent Wjatscheslaw
Kulagin sicher. Offen bleibt nur, ob diese Wissenschafter dann in Russland
bleiben oder, wie schon zu Zeiten Godunows, emigrieren. 
(Neue
Zürcher Zeitung, 22. November 2004)
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