Moskau liegt mitten in Deutschland I

Wer sich 2003 durch die Straßen Berlins bewegte, wähnte sich manchmal fast schon in Russland. So, als verlaufe gleich hier hinter der Spree die Grenze zu einer anderen Welt, wie noch vor einigen Jahren nach Ostberlin, begegnete man allenthalben Russischem in der Stadt. Am Bahnhof Friedrichstraße, dem ehemals zugigen Kontrollpunkt zwischen Ost und West, stößt der Passant in der inzwischen glitzernden Bahnhofpassage auf Portraitfotos aus Russland. "100 Russen 4 Jahreszeiten" heißt die Installation von Bernd Uhlig, die Menschen in Russland aus ihrem sozialen Kontext gelöst vor bunten Stoffwänden zeigt. Am Pressestand nebenan liegen diverse russischsprachige Journale und Zeitungen aus. Ein junger Mann blättert in der Russkij Berlin, der wichtigsten russischsprachigen Tageszeitung, die eine Auflage von 30 000 Exemplaren erreicht. Im Laden Checkpoint Moskau gibt es importiertes Baltika-Bier zu kaufen. Russland scheint, zumindest in der deutschen Hauptstadt, greifbar nah zu sein.

Doch nicht nur die Infrastruktur von mehr als 130 000 Menschen in Berlin, deren Muttersprache Russisch ist, spürt man allenthalben. Das Jahr 2003 wurde von den Regierungen Russlands und Deutschlands zum "Jahr der russischen Kultur in Deutschland" erklärt.

Checkpoint Moskau am Bahnhof Friedrichstraße

Die Präsidenten Putin und Rau eröffneten am 9. Februar 2003 im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt mit einem Festakt den bilateralen Marathon, der mit etwa 350 Veranstaltungen aus allen Kulturbereichen in über 30 Städten beiden Ländern die jeweils andere Kultur näher bringen soll. Der deutsche Staat investiert in das Großereignis 15 Millionen Euro, die russische Seite beteiligt sich mit 10 Millionen Dollar. Auch Konzerne beider Länder wie Gasprom, Ruhrgas, die Fluggesellschaften Aeroflot und Lufthansa und das deutsche Verlagshaus Langenscheidt investieren Geld, damit die größte beiderseitige Kulturinitiative seit dem Zweiten Weltkrieg ein Erfolg wird.

Solisten des Moskauer Bolschoi-Balletts und des St. Petersburger Marijnski-Balletts gaben zum Auftakt des Jahres der russischen Kultur in Deutschland umjubelte Auftritte in Lübeck, Hamburg und Berlin. Es war die erste gemeinsame Gastspielreise beider Spielstätten. Doch nicht nur der ohnehin bekannte Teil der russischen Kultur sollte in diesem Jahr dem deutschen Publikum gezeigt werden. So gab es auf den 53. Internationalen Filmfestspielen in Berlin im Februar ein Sonderprogramm "Junges Russisches Kino".

 

 

Ziel der "Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen" ist es zudem, auch mit Programmen jenseits der großen Metropolen präsent zu sein. So gab es in Sachsen eine Reihe russischer Kulturveranstaltungen. Das Petersburger Bewegungstheater "Derevo" spielte in Dresden, und in Leipzig wurde das satirisch-groteske Werk des Autors Daniil Charms vorgestellt. Zudem machte eine "Russische Kulturkarawane" mit Bussen und dem Kultur- und Informationsschiff "Vater Rhein" an vielen kleinen Orten zwischen Rhein und Elbe Station.

Ins Deutsche übersetzte Neuerscheinungen russischer Literatur (Fotos: Janina Druschky)

Längst überfällig nannten deutsche Verleger, Schriftsteller und Kritiker den Länderschwerpunkt Russland auf der weltweit wichtigsten Bücherschau, der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Oktober, die einen weiteren Höhepunkt des Jahres der russischen Kultur in Deutschland markiert. Denn auch in Deutschland gilt Russland als ein Land des Buches. Die Feuilletons der großen deutschsprachigen Zeitungen überboten sich mit einer Flut von Rezensionen russischer Bücher, zusätzlich zu ihrer ohnehin schon dichten russophilen Berichterstattung. Allein im Herbst kamen etwa 60 ins Deutsche übersetzte Neuerscheinungen in die Läden. Dabei sind nicht nur die Klassiker wie Dostojewski oder Bulgakow bei der Leserschaft besonders gefragt. Ein Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion blickt man in Deutschland eher neugierig auf die Generation junger russischer Autoren. Beliebt sind die Krimis von Polina Daschkowa, ebenso wie die postmoderne Prosa aus der Feder Viktor Pelewins.

(Sonderausgabe der Moskauer Deutschen Zeitung, März 2004)