Die Kunst ohne Ghettos I

Interview mit Jekaterina Degot, Co-Kuratorin der Ausstellung "Berlin-Moskau 1950-2000"

Frau Degot, was ist Russland in Berlin, in Deutschland, im Jahr 2003 für Sie?

Es gibt viele Russen in Berlin. Ich habe viele deutsche Freunde, die Russisch sprechen, und deutsche Freunde, die zwar kein Russisch sprechen, sich aber dennoch für Russland interessieren. Deshalb fühle ich mich in Berlin sehr zu Hause. In diesem Jahr gibt es sehr viele russische Kulturveranstaltungen überall in Deutschland. Ich glaube 2003 ist ein großer Schritt nach vorn für die russische Kultur.

Jekaterina Degot in Berlin

Ist Russland in Deutschland derzeit "hip"?

Gestern auf dem "Leningrad"-Konzert war es sehr "hip", aber da waren mehr Russen als Deutsche. Auch Kaminer ist "hip". Russen mögen es, "hip" zu sein.

Eine Frage zur Ausstellung "Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000", deren Kuratorin Sie sind. Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel kritisierte vor einigen Wochen in der F.A.Z., dass die Schau den historischen Kontext und die politischen Zusammenhänge verwirft, die für beide Städte in den vergangenen 50 Jahren relevant gewesen sind. Stimmt das?

Die Kritik, die er geäußert hat, betrifft vor allem den deutschen Teil der Ausstellung. Der russische Part ist durchaus historisch und politisch. Aber wir wollten keine rein historische Ausstellung machen. Das war nicht unsere Intention. Ich weiß nicht, wie man das, was Schlögel fordert, kritisch zeigen soll. Sicher könnte man einiges anders machen. Doch es gibt vieles, was die Ausstellung nicht ist, aber das ist noch kein Grund, sie zu kritisieren.

Warum?

Ein Kritiker ist immer ein Richter und Detektiv. Ich fühle mich von Schlögels Kritik nicht abhängig. Es war für mich aber eine interessante Meinung. Ich schätze ihn sehr und ich wusste, dass er von vornherein gegen die Idee dieser Art von Ausstellung ist.

 

 

 

st Deutschland ein guter Ort für halblegale russische Künstler wie Sorokin oder die Gruppe "Leningrad"?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich haben Leningrad und Sorokin durch die Verbote einen großen Ruhm erlangt. Beide haben nun einen guten Markt. Sie sind überall präsent: am Kiosk, bei MTV und im Radio. Sie haben Karriere gemacht, was gut so ist. Somit können sie sich auch im Westen zeigen. Doch sie sind keine politischen Flüchtlinge. Die Sache ist komplexer. Deutschland war immer sehr offen gegenüber russischer Kultur, es ist das beste Ausland für unsere Künstler.

Was muss in Zukunft getan werden, damit es einen intensiven kulturellen Dialog zwischen beiden Ländern gibt?

Russische Kunst sollte nicht nur in einem Ghetto gezeigt werden, sondern gemeinsam mit deutscher. Das war mir auch bei der Ausstellung wichtig. Die russische Kunst muss in den europäischen Kontext gestellt werden. Der nächste Schritt ist es, weitere gemeinsame Projekte zu machen, bei denen die eigene Kunst nicht einfach nur exportiert wird.

Ist es nicht problematisch, Kunst und Kultur mit so viel Staat zu präsentieren?

Es gibt verschiedene Varianten: Die russische Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse war schrecklich offiziell. Andererseits ist die Ausstellung "Berlin-Moskau/Moskau-Berlin 1950-2000", die auch eine politische Entscheidung war, ohne politische Lenkung konzipiert worden. Wir Kuratoren waren frei. Staatliches Geld heißt nicht immer Druck seitens der Politiker. Vielleicht ist dem russischen Staat die Literatur einfach wichtiger.

Ist Berlin eine russische Stadt, war Berlin eine russische Stadt?

Ostberlin war überhaupt nicht russisch. Ich fühlte mich im Ausland, war sehr fremd. Die Isolation Westberlins hatte hingegen für russische Künstler immer etwas Faszinierendes. Jetzt macht die Kombination von Ost und West und die Offenheit diese Stadt für Russen attraktiv. Das ist eine Chance für Berlin und für die Russen.

Frau Degot, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Sören Urbansky.

(Sonderausgabe der Moskauer Deutschen Zeitung, März 2004)