Seit
der Perestroika erlebt die Spiritualität in Russland eine wahre
Renaissance. Im muslimisch geprägten Tatarstan verzehnfachte sich
die Zahl der Moscheen. Mehr als die Hälfte der Bewohner der Russischen
Föderation geben an, orthodoxe Christen zu sein. Auch Freikirchen
und Sekten haben großen Zulauf. Doch Chanows Ökumenischer
Tempel dient nicht einer Religion. Er entspringt der Idee eines Mannes,
der sein Leben lang nach einer Ausdrucksform des Guten suchte.
Als junger Mann studierte Ildar Chanow Bildhauerei in Moskau. Seither
entwarf er monumentale Stahlbetonskulpturen für seine Heimatrepublik
Tatarstan. Einige teils mannshohe Entwürfe in seinem Tempel erinnern
daran. Frieden und Harmonie sind bestimmende Themen, religiöse
Elemente finden sich allenthalben in Chanows Kunst. Mit der Idee des
Ökumenischen Tempels erhob sich Chanow jedoch über die Kunst
im klassischen Sinne. Er kehrte an seinen Geburtsort am Wolga- Ufer
zurück und lebt seither die Idee seiner göttlichen Berufung,
von der nur er – der Meister – weiß, ob sie wahr ist.
"Kein
Politiker interessiert sich für mein großes Projekt. Doch
sie lassen mich wenigstens ungestört bauen." Er beugt sich
über eine Modellplatte, die verrät, dass Meister Chanow Großes
plant. Der Tempel ist nur ein Punkt inmitten pompöser Gebäude.
"In Stary Araktschino entsteht eine Friedensstadt, die erste weltweit."
Der Meister spricht leise, sein Blick verrät, dass er es ernst
meint: "Die geistige Mitte bleibt der Ökumenische Tempel.
Um ihn herum gruppieren sich Schulen für Tanz, Musik und Kunst.
Eine Heilstätte für Drogenabhängige ist in diesem Komplex
untergebracht." Chanow spricht, als seien die Quader aus Pappe
und Holz bereits verputzte Häuser. "Am Ufer drehen sich Windräder.
Für die Kinder umfährt eine Eisenbahn die Stadt." Eine
Marina soll Schiffe aller Flaggen aufnehmen. Das alles erscheint wie
gebaute Glückseligkeit, ein Disneyland ohne Kommerz. "Die
Besucher aus aller Welt werden bald Friedensstädte auf allen Kontinenten
gründen."
Für das kommende Jahr plant Chanow erste internationale Treffen,
Gottesdienste, Konzerte und Seminare in seinem Tempel, an dessen Innenausbau
noch ein gutes Dutzend Männer aus dem Dorf arbeitet. "Nur
Arbeit kann die Männer heilen. Früher hat Fedja wie die anderen
auch getrunken. Seit er hier ist und arbeitet, lebt der Blonde wieder",
sagt Chanow. Geld für das Essen der Bauarbeiter stammt von Anhängern
seiner Friedensidee, das Material von anderen Baustellen. "Die
merken nicht, wenn mal eine Bohle oder eine Kachel fehlt, diese Leute
schwimmen in Geld", beruhigt Chanow.
Er
wird noch einige Leben brauchen, um seine Vision Wirklichkeit werden
zu lassen. Viele tun den alten Tataren als Verrückten ab. Andere
bewundern seine Kraft und seinen Glauben. Denn der Meister lebt seinen
Traum, er resigniert nicht wie so viele. Seit sein Tempel am Wolga-Ufer
steht, kennt jeder Bürger Kasans das kleine Dorf Stary Araktschino.
Der Fernzug aus Moskau fährt daran vorbei, die Reisenden bestaunen
den Bau – für viele das Symbol für mögliche Unmöglichkeit,
für gebaute Utopie und die Koketterie mit dem nationalen Selbstbild.
Denn in Russland freut man sich, wenn Zugereiste das Land für verrückt
erklären.
Ildar
segnet den Besucher zum Abschied. Bald fährt der letzte Vorstadtzug
zurück nach Kasan. Auf dem Weg zum Bahnhof fragt eine Frau, wo
der Wunderheiler Ildar wohne. Fedja, der schon wieder in der Tür
des Tempels wartet, kommt der Antwort zuvor und winkt die alte Frau
heran. "Ja, heilen kann er auch, mein Bruder Ildar", ruft
er dem Fremden nach. "Doch das ist eine andere Geschichte."

(Neues Deutschland, 20. Dezember 2003)