Der Tempel am Wolga-UferI

Russland. Meister Ildar aus Stary Araktschino lebt seinen Traum von einer Friedensstadt

Stary Araktschino liegt an einem großen Wolga-Bogen bei Kasan. Der Strom wirkt hier breit wie ein Meer. Über die niedrigen Holzhäuser am Ufer ragt ein neues merkwürdiges Gebäude. Vierzehn bunte Türme ragen dicht an dicht in den Himmel. Die Symbole aller Weltreligionen krönen ihre Spitzen. Was ist das? Ein Schloss? Eine Kirche? Und wer ist der Bauherr?

Ein großer blonder Mann, 40 mag er sein, winkt den Neugierigen heran: "Du willst zu Ildar, dem großen Lehrmeister, ja?" Fedja heiße er und sei der jüngere Bruder und Schüler des Meisters. "Den gesamten Ökumenischen Tempel hat Ildar selbst errichtet." Der Blonde zeigt auf ein Buntglasfenster neben der Eingangstür, in dem das Profil der Göttin Isis leuchtet: "Das hier ist der ägyptische Saal."

Meister Ildar und sein Tempel

Eine schmale Treppe hinauf führt er den Besucher ins Obergeschoss. Mehrmals bleibt er stehen, dreht sich um und spricht aufgeregt vom Universum, von guten Energien und von Raumschiffen: "Der Ökumenische Tempel vereinigt alles Gute des Universums." Seine Augen funkeln.

Oben hockt Ildar Mansawejewitsch Chanow auf einer Bastmatte. Hinter dem schmächtigen Mann thront eine große goldene Buddha-Statue, eine breite Fensterfront gibt den Blick auf die Wolga-Schleife frei. "Willkommen im buddhistischen Tempel!" Meister Ildar ist Besuche gewohnt: Der Buddha stamme von Südkoreanern und der Wandteppich über der Tür sei ein Geschenk Indira Gandhis.

Den Hinweis auf die Einladung des Bruders quittiert Ildar Mansawejewitsch mit einem Lächeln: Fedja sei ein guter Kerl, aber nicht sein Bruder. Während der Blonde enttäuscht verschwindet, suchen Ildars tief liegende dunkle Augen den Blick des Fremden. "Meine beiden Brüder sind tot. Sie sind im Krieg verhungert."

Die tatarische Familie Chanow lebte damals in einer Scheune genau dort, wo heute der Tempel steht. Der vierjährige Ildar schien ebenfalls dem Hungertod geweiht. "Doch im Kosmos erblickte ich Jesus Christus. Er sandte mich zurück auf die Erde – als Lehrmeister, mit der Aufgabe, Frieden zu stiften." Einer müsse ja anfangen, man dürfe nicht nur reden.

Vor zehn Jahren begann Chanow mit dem Bau seines Tempels, der alle großen Religionen unter einem Dach vereinen und von der Wolga ein Friedenszeichen in alle Welt senden soll. Der selbst ernannte Meister nimmt den Gast bei der Hand und führt ihn auf einer schmalen Stiege hinauf in die Kuppel über der katholischen Kapelle. Dort steht ein Teleskop. "Ein General von euch hat es mir geschenkt. Als er von einem Kreuzfahrtschiff auf der Wolga meinen Tempel sah, besuchte er mich. Ein Jahr später kam er wieder – mit dem Teleskop." Seither beobachtet Meister Chanow den Kosmos. Auch Fedjas fliegende Untertassen? fragt der Gast spöttisch. "Ja natürlich sieht man hier auch die Raumschiffe!" Chanow lacht. "An diesem Ort ist Raum für allen Glauben dieser Welt."

 

 

Seit der Perestroika erlebt die Spiritualität in Russland eine wahre Renaissance. Im muslimisch geprägten Tatarstan verzehnfachte sich die Zahl der Moscheen. Mehr als die Hälfte der Bewohner der Russischen Föderation geben an, orthodoxe Christen zu sein. Auch Freikirchen und Sekten haben großen Zulauf. Doch Chanows Ökumenischer Tempel dient nicht einer Religion. Er entspringt der Idee eines Mannes, der sein Leben lang nach einer Ausdrucksform des Guten suchte.

Als junger Mann studierte Ildar Chanow Bildhauerei in Moskau. Seither entwarf er monumentale Stahlbetonskulpturen für seine Heimatrepublik Tatarstan. Einige teils mannshohe Entwürfe in seinem Tempel erinnern daran. Frieden und Harmonie sind bestimmende Themen, religiöse Elemente finden sich allenthalben in Chanows Kunst. Mit der Idee des Ökumenischen Tempels erhob sich Chanow jedoch über die Kunst im klassischen Sinne. Er kehrte an seinen Geburtsort am Wolga- Ufer zurück und lebt seither die Idee seiner göttlichen Berufung, von der nur er – der Meister – weiß, ob sie wahr ist.

"Kein Politiker interessiert sich für mein großes Projekt. Doch sie lassen mich wenigstens ungestört bauen." Er beugt sich über eine Modellplatte, die verrät, dass Meister Chanow Großes plant. Der Tempel ist nur ein Punkt inmitten pompöser Gebäude. "In Stary Araktschino entsteht eine Friedensstadt, die erste weltweit." Der Meister spricht leise, sein Blick verrät, dass er es ernst meint: "Die geistige Mitte bleibt der Ökumenische Tempel. Um ihn herum gruppieren sich Schulen für Tanz, Musik und Kunst. Eine Heilstätte für Drogenabhängige ist in diesem Komplex untergebracht." Chanow spricht, als seien die Quader aus Pappe und Holz bereits verputzte Häuser. "Am Ufer drehen sich Windräder. Für die Kinder umfährt eine Eisenbahn die Stadt." Eine Marina soll Schiffe aller Flaggen aufnehmen. Das alles erscheint wie gebaute Glückseligkeit, ein Disneyland ohne Kommerz. "Die Besucher aus aller Welt werden bald Friedensstädte auf allen Kontinenten gründen."

Für das kommende Jahr plant Chanow erste internationale Treffen, Gottesdienste, Konzerte und Seminare in seinem Tempel, an dessen Innenausbau noch ein gutes Dutzend Männer aus dem Dorf arbeitet. "Nur Arbeit kann die Männer heilen. Früher hat Fedja wie die anderen auch getrunken. Seit er hier ist und arbeitet, lebt der Blonde wieder", sagt Chanow. Geld für das Essen der Bauarbeiter stammt von Anhängern seiner Friedensidee, das Material von anderen Baustellen. "Die merken nicht, wenn mal eine Bohle oder eine Kachel fehlt, diese Leute schwimmen in Geld", beruhigt Chanow.

Er wird noch einige Leben brauchen, um seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Viele tun den alten Tataren als Verrückten ab. Andere bewundern seine Kraft und seinen Glauben. Denn der Meister lebt seinen Traum, er resigniert nicht wie so viele. Seit sein Tempel am Wolga-Ufer steht, kennt jeder Bürger Kasans das kleine Dorf Stary Araktschino. Der Fernzug aus Moskau fährt daran vorbei, die Reisenden bestaunen den Bau – für viele das Symbol für mögliche Unmöglichkeit, für gebaute Utopie und die Koketterie mit dem nationalen Selbstbild. Denn in Russland freut man sich, wenn Zugereiste das Land für verrückt erklären.

Ildar segnet den Besucher zum Abschied. Bald fährt der letzte Vorstadtzug zurück nach Kasan. Auf dem Weg zum Bahnhof fragt eine Frau, wo der Wunderheiler Ildar wohne. Fedja, der schon wieder in der Tür des Tempels wartet, kommt der Antwort zuvor und winkt die alte Frau heran. "Ja, heilen kann er auch, mein Bruder Ildar", ruft er dem Fremden nach. "Doch das ist eine andere Geschichte."

(Neues Deutschland, 20. Dezember 2003)