Neun
Kilometer zwischen zwei WeltenI
Russland
- China. Fernöstliche Grenzüberschreitung: von Sabaikalsk
nach Manzhouli
Tausende
Kilometer Land durchquert das Auge und meint, alles zu kennen. Die gespeicherten
Bilder werden nur abgerufen, immer wieder. Monokultur Sibirien. Städte,
selbst Dörfer sind austauschbar - zumindest für den Zugreisenden.
Bahnhöfe unterscheiden sich oft nur in ihren Namen. Manchmal tragen
sie gar nur Kilometerangaben. Alles eins.

(ND-Karte: Wolfgang
Wegener)
Nur
einmal pro Woche passiert
der internationale Zug Moskau - Peking die Grenze bei Sabaikalsk. Fahrkarten
sind Wochen vorher ausverkauft. Viele Reisende fahren deshalb s peresadkami,
sie müssen umsteigen. Allein für die 462 Kilometer zwischen
Tschita und Sabaikalsk braucht der Zug 16 Stunden. Güter haben
Vorfahrt. Holz und Öl rollen Richtung China. Im Zug wird schon
Chinesisch gesprochen. Nur wenige Mitreisende sind Russen. Russland
löst sich bereits vor der Grenze auf. Chinesische Händler
allenthalben. In den Abteilen wird überall Karten gespielt, die
Schaffnerin kann das Rauchverbot nicht durchsetzen.
Es
ist kurz nach neun Uhr am Morgen, als der Zug in Sabaikalsk ("jenseits
des Baikals") einfährt, fast unbemerkt. Man nimmt die Stadt
kaum wahr. Die Menschen überqueren die Gleise vor der Lok, der
Zug fährt sowieso nicht weiter. Russland ist hier zu Ende - und
wird noch einmal beschworen. Alle russischen Farben werden ein letztes
Mal dekliniert: hellgelbe Bahnhofsfassade, grüntürkise Ölfarbe
im Wartesaal, rote Gitter. Häuser wie in Podolsk oder Puschkino
in der Nähe von Moskau. Einzig die Chinesen wollen nicht recht
ins Bild einer russischen Provinzstadt passen.
Morgens,
wenn die Chinesen kommen, ist Sabaikalsk eine Stadt ohne Russen. Vor
dem Bahnhof verläuft eine kleine Straße. Busse, Linientaxis,
Kleinwagen; jeder versperrt jedem den Weg. In manchen Wagen klemmen
Pappzettel hinter der Windschutzscheibe. Manzhouli steht auf Russisch
und Chinesisch darauf geschrieben. Gepäck wird verladen. Noch neun
Kilometer sind es bis in eine andere Welt.
Als
Grenzstadt spürt Sabaikalsk deutlich das Klima zwischen Moskau
und Peking. Mehrere Eiszeiten verfrachteten den Ort ins Abseits, verdammt
zu einer Soldatenhochburg in den 60er und 70er Jahren. In den 80ern
besserte sich die Situation. Mit der Normalisierung der chinesischrussischen
Beziehungen und der Öffnung der Volksrepublik kam der Warenaustausch
wieder in Gang. Waggons rollten wieder. Besonders in den vergangenen
Jahren entwickelte sich der Handel rasant. 1999 verließen 1623
Züge den Sabaikalsker Bahnhof in Richtung China, im Jahre 2001
waren es schon 2382. 142 973 Tonnen Ware rollten 2001 über die
Gleise nach Osten, fünfmal mehr als 1999.
Die
Menschen weichen auf die Straße aus. Seit 1989 gibt es die Verbindung
zwischen Sabaikalsk und Manzhouli. Auf halbem Weg liegt die Abfertigungsanlage
auf einer Anhöhe. Weit reicht der Blick, Steppenlandschaft der
Inneren Mongolei. Ethnisch getrennt passieren Russen und Chinesen die
Grenze. Russen benutzen russische Vehikel, Chinesen chinesische. Andere
Nationalitäten sind nicht eingeplant, schaffen Verwirrung, verzögern
die Abfertigung.
Fahrzeuge
stauen sich in Dreierreihen, pulkweise werden sie in den abgeriegelten
Bereich gewinkt. Noch einmal russische Strenge, Milchglas und Misstrauen.
Die gleichen Fragen, der gleiche Blick wie in Scheremetjewo oder Pulkowo,
zigtausend Kilometer währende Uniformität.
Weder
ein Hochgebirge noch ein breiter Strom bildet die Grenze, keinerlei
natürliche Hindernisse, nicht einmal die Chinesische Mauer. Es
gibt nur diesen roten Strich auf der Landkarte, sonst nichts. Gerade
das macht diese Grenze zu einer deutlichen Trennlinie. Mit einem Mal
ist alles anders. Es bleibt keine Zeit sich umzustellen. Man ist da.
